Menschen Stehen um einen Tisch und besprechen etwas
Hotel net solutions auf der Hotel Optimal Holiday Konferenz
Ein Raum mit vielen Menschen, auf der Seite stehen Plakate von Ghezzo
Mehrere Menschen sitzen in einem Konferenz Saal und hören den Referent:innen zu.

Gemeinwohlbilanz: Alleinstellungsmerkmal und Basis eines nachhaltigen Wachstums

von

In einer gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft liegt die Orientierung am Gemeinwohl ja schon im Gründungsgedanken. Wohl schwer objektivierbar, kostspielig und auch unbequem, gerät dieser Fokus schon mal in den Hintergrund. Dabei stecken gerade in einer Zeit der Transformation in Richtung Nachhaltigkeit viele Chancen darin, wenn es um zufriedenen Kund*innen und Mitarbeiter*innen geht, aber auch wenn es um die gesellschaftliche Entwicklung und um ein lebenswertes Umfeld geht. Wer sich schon jetzt damit beschäftigt, seiner Zeit voraus und kann schneller Themen wie Kreislaufwirtschaft und soziale Nachhaltigkeit angehen, was unweigerlich einen Wettbewerbsvorteil schafft. Denn die Transformation in diese Richtung ist beschlossene Sache.

In diesem Sinne hat Isabella Stickler mit ihrem Team in der Alpenland Gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft eine Gemeinwohlbilanz umgesetzt. Warum sie das Ergebnis für richtungsweisend hält, was Kund*innen und Mitarbeiter*innen dazu sagen und welche Veränderungen sich dadurch für das Unternehmen ergeben, hat Sie uns in Vorbereitung des Ghezzo Immobilientags erzählt.

Alexander Ghezzo: Warum haben Sie sich dazu entschlossen eine Gemeinwohlbilanz zu erstellen? Welchen Nutzen erwarten Sie für Alpenland?

Isabella Stickler: Alpenland ist eine gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft - vieles aus der Gemeinwohlökonomie ist schon tief im Gründungsgedanken unserer Genossenschaft verankert. Es war somit ein logisch nächster Schritt von Gemeinnützigkeit und Genossenschaft zu Gemeinwohl. Unser Anspruch ist, Alpenland für die nächsten Jahrzehnte nachhaltig und zukunftsorientiert auszurichten und daher dieses klare Bekenntnis. Die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens ist Grundvoraussetzung und Basis, die Ausrichtung auf die übergeordneten Werte des Gemeinwohls ist die Zukunft.

Die Frage, warum wir die Gemeinwohlbilanz als Mittel gewählt haben, lässt sich einfach beantworten: Die Gemeinwohlbilanz misst, wie ein Unternehmen die Grundwerte von der Menschenwürde über die Nachhaltigkeit bis hin zur Mitbestimmung erfüllt. Wir waren uns von Anfang an einig, dass wir bewusst keinen „schön“ formulierten Nachhaltigkeitsbericht erstellen und mit bunten Bildern hinterlegen, sondern die Nachhaltigkeitsthemen in einer sehr nüchternen, objektiven, vergleichbaren und transparenten Gegenüberstellung öffentlich einsehbar machen wollen. Auch ist diese Abbildung von Werten in einer finanzwirtschaftlichen Darstellung einzigartig und spannend.

Letztendlich ist unser Ziel ein regeneratives Wachstumsmodell einer Kreislaufwirtschaft. Mit der regelmäßigen und laufenden Bilanzierung belegen wir glaubwürdig unsere Unternehmensentwicklung und zeigen, dass wir an dem Thema dranbleiben und es bei uns fest verankert ist. Das war uns auch wichtig, da die erstmalig erstellte Gemeinwohlbilanz sozusagen „nur“ die Basislinie markiert und den aktuellen Status quo zeigt.

Zur Frage des Nutzens: Wir sind mit dieser Entscheidung nicht nur Vorreiter in unserer Branche, sondern sehen jetzt schon positive Effekte in unterschiedlichen Bereichen. Unsere Mitarbeiter, und auch die Bewerber für offene Stellen, reagieren auf dieses Alleinstellungsmerkmal. Immer wieder erzählen uns junge Menschen in Vorstellgesprächen, dass sie in einem Unternehmen arbeiten wollen, das etwas Sinnstiftendes schafft und sich zu Werten bekennt. Das Interesse und die Kommunikation innerhalb unseres Unternehmens gehen so weit, dass die Tochter einer Mitarbeiterin die Gemeinwohlausrichtung in ihrer Masterthesis beleuchtet und um ein Interview gebeten hat. Das zeigt, wie aktuell das Thema ist.

Unsere Geschäftspartner zeigen Interesse und es eröffnen sich spannende Kooperationsmöglichkeiten. Erst vor kurzem hatten wir einen Kennenlern-Termin mit einem uns nicht vertrauten Bankinstitut, das auf unsere Berichterstattung zur Gemeinwohlbilanz aufmerksam wurde und uns Finanzierungsangebote eröffnet hat. Auch hat uns eine Grundstückeigentümerin auf eine gemeinsame Projektentwicklung ihres Grundstücks angesprochen, da sie ihr Grundstück nur an den “richtigen“ Bauträger abgeben will.

Kurzum: Mit dieser Entscheidung haben wir genau ins Schwarze getroffen. Wir schaffen Bewusstsein dafür, dass Wirtschaftlichkeit als alleiniges Unternehmensziel zu wenig ist. Jede Entscheidung, die wir heute fällen, trifft die oder hilft den nächsten Generationen. Die Ausrichtung auf Werte und auf Zukunft fällt positiv auf und verschafft Öffentlichkeit und Sichtbarkeit. Wir hoffen, dass noch viele andere Unternehmen auf diesen Zug aufspringen. Alexander Ghezzo: Â Wie verankert man Gemeinwohlökonomie im Unternehmen, das ja doch auch stark nach KPIs geführt werden muss?

Isabella Stickler: Wichtig ist, dass nicht der Vorstand diese Entscheidung im stillen Kämmerlein trifft und dann die Umsetzung verordnet, sondern dass das gesamte Führungsteam und letztendlich alle im Unternehmen von Anfang an dabei sind und diese Entscheidung mitträgt. Das WARUM muss gut aufbereitet und kommuniziert werden. Das ganze Führungsteam hat sich bewusst sehr viel Zeit genommen und in mehreren Workshoprunden das Thema Gemeinwohl beleuchtet und aufgearbeitet. Durch intensive Gespräche und aktive Kommunikation wurde als erster Schritt ein erhöhtes Bewusstsein geschaffen und eine Sensibilisierung für die Werte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit sowie demokratische Mitbestimmung und Transparenz erreicht. Da es ein sehr großes und breites Thema ist, braucht es sicherlich noch einige Gesprächsrunden und ständige Begleitung. Letztendlich sprechen die Inhalte der Gemeinwohlökonomie für sich.

Wir haben für die Vorbereitung und Erstellung der ersten Vollbilanz eine eigene Stabstelle eingerichtet, die 600 Stunden aufgewendet hat. Diese Stabstelle hatten wir zwar nicht in unserer Jahresplanung, aber dieser hohe Personaleinsatz und letztendlich Kostenaufwand zeigen, wie ernst uns die Sache ist.

Wir müssen sicherlich auch in Zukunft unsere Kennzahlen planen und im Griff haben, aber die Ausrichtung auf Gemeinwohl schließt Wirtschaftlichkeit nicht aus oder widerspricht ihr. Im Gegenteil: Die Gemeinwohl-Ökonomie etabliert ein anderes Wirtschaften, nämlich ein ethisches Wirtschaftsmodell. Das Wohl von Mensch und Umwelt wird zum obersten Ziel dieses Wirtschaftens. Ich bin fest der Meinung, dass wir mit dieser Ausrichtung einen Startvorteil und ein Alleinstellungsmerkmal über unsere Branche hinaus bekommen haben und dass dadurch ein positiver Effekt auf unsere Kennzahlen eintreten wird.

HOLZGRAF - Natürlich wohnen in Obergrafendorf Alpenland errichtet ein Vorzeigeprojekt für nachhaltigen und leistbaren Holzbau

Alexander Ghezzo: Wie reagieren Ihre Mitarbeiter*innen darauf? Haben Sie den Eindruck, dass Alpenland da auch als Vorbild für mehr soziale und ökologische Verantwortung wirkt?

Isabella Stickler: Unsere Mitarbeiter:innen reagieren unterschiedlich aktiv und stark auf das Thema. Grundsätzlich sehen alle die Ausrichtung als richtig, wichtig und notwendig. Aber nicht alle können sich jetzt schon konkret vorstellen, welche Veränderungen und Anpassungen in den jeweiligen Bereichen stattfinden werden. Was alle bemerkt haben, war unsere erste Maßnahme in der Umsetzung, nämlich die Mülltrennung in unserer Bürozentrale. Ich musste bei diesem Thema schmunzeln, da ich zu Beginn meiner Karriere bei Alpenland in der Immobilienverwaltung oft mit den Hausgemeinschaften über Mülltrennung diskutiert habe und jetzt trifft uns dieses Thema selbst. Dieses kleine Beispiel zeigt aber sehr deutlich, was geändertes Bewusstsein und sich mit den Themen auseinandersetzen im eigenen Wirkungsbereich auslösen können. Wir haben viele Dinge selbst in der Hand, es braucht oft nur den „Impuls der Erkenntnis“.

Zur Vorbildwirkung: Das war eines der Ziele für die Bilanzerstellung und auch die Öffentlichkeitsarbeit dazu. Es soll nicht nur unser Thema im eigenen Unternehmen bleiben. Auch das ist Teil unserer Verantwortung und der Verantwortung für die nächsten Generationen. Dass wir in der Gemeinnützigen Wohnungswirtschaft Vorreiter sind, reicht uns nicht, wir wollen über unsere Branche hinaus als Leuchtturm wirken. Stolz sind wir, dass Alpenland die erste gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Österreichs ist, die nach den Kriterien der Gemeinwohlökonomie zertifiziert wurde. Unser Ziel haben wir erreicht, wenn sich auch andere anschließen.

Schön ist, dass sich viele Mitarbeiter:innen mit dem Thema Gemeinwohl nicht nur beruflich, sondern auch im privaten Bereich beschäftigen, und das es jetzt schon zu einem Umdenken und einem bewussteren Umgang mit den vorhandenen Ressourcen geführt hat. Ideen und Lösungsvorschläge werden aktiv eingebracht. Für mich auch ein klares Indiz, dass sich alle mit dem eingeschlagenen Weg des Unternehmens identifizieren.

Bereichsleitende bei Alpenland: Markus Wieland, Elfriede Mörtl, Barbara Kiener, Theresa Reiter, Susanne Bock, Jürgen Putz

Alexander Ghezzo: Was haben Sie aus dem Prozess der Bilanzerstellung für Lehren gezogen?

Isabella Stickler: Im Rahmen der Peer-Group-Auditierung war sehr rasch klar, dass Eigeneinschätzung und Fremdbewertung nicht immer deckungsgleich sind - und zwar in beide Richtungen! Themen, die wir als besonders wichtig sahen, wurden von der Gruppe als nachrangig beurteilt, während andererseits für uns Alltägliches als besonders positiv gesehen wurde. In den hausinternen Workshops war spannend und auch unterhaltsam, bei welchen Details intern heftig diskutiert wurde und im Gegensatz dazu überraschend, dass bei großen Themen der Diskurs ausblieb.

Eine Erkenntnis bzw. Lehre aus dem Prozess ist sicherlich, dass man ausreichend Zeit und Ressourcen braucht und dass -verglichen mit Wahlen-nach der Bilanz vor der Bilanz ist. Das heißt, diese Ausrichtung ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Manches lässt sich schnell anpassen, andere Bereiche benötigen eine längere Umsetzungszeit. Viele sichtbare kleine Schritte sind ebenso wichtig, wie große Hürden, die längerer Vorbereitungen und Ãœberlegungen bedürfen und wichtig ist, alle Beteiligten auf dieser spannenden Reise mitzunehmen.

Alexander Ghezzo: Gab es für Sie Ãœberraschungen bei der Auditierung?

Isabella Stickler: Da wir uns bewusst für diesen Prozess entschieden haben und bestens mit unserer eigenen Stabstelle im Haus vorbereitet waren, sind wir ohne große Überraschungen durchgegangen. Das Zusammentragen der Daten und Informationen war ein sehr hoher zeitlicher Aufwand. Der Prozess hat als positiven Nebeneffekt zu einer weiteren Steigerung der verfügbaren Datenqualität im Haus geführt. Ich kann in diesem Zusammenhang nur jedem CSRD-berichtspflichtigen Unternehmen raten, rechtzeitig für die Nachhaltigkeitsberichterstattung mit den Vorbereitungen zu beginnen. Wir hätten es ohne eigene Stabstelle nicht geschafft und meine Meinung dazu ist, dass es auch niemandem zuzumuten ist, so ein umfassendes Thema neben den Haupttätigkeiten zusätzlich mitzumachen.

Alexander Ghezzo: Und was sagen Ihre Kunden (Käufer/Mieter) dazu?

Isabella Stickler: Die Rückmeldungen sind positiv und erfreulich. Immer wieder bekommen wir konkrete Fragen zu einzelnen Punkten der Bilanz. Interesse ist definitiv vorhanden.

Wir werden beispielsweise immer wieder auf unser Entwicklungspotential als Bauträger angesprochen. Häufige Fragen sind, ob wir in Zukunft andere Baumaterialen verwenden werden, wie wir eine Reduktion von Energie- und anderen Ressourcen und eine Reduktion der Instandhaltungskosten über die Betrachtung der Immobilie im Lebenszyklus erreichen können.

Die Krisen der letzten Jahre haben uns gezeigt, wo unsere Gesellschaft an ihre Grenzen stößt, und daher haben wir einen Fokus auf die Bedürfnisse der Menschen, genauer gesagt, der nächsten Generationen, gelegt.

Wir sehen z. B., dass wir mit unseren Social Media Postings zum Thema regelmäßig eine hohe Reichweite und Resonanz erzielen. Auch die Beratungsgespräche zu freien Wohnungen haben sich geändert. Natürlich geht es dabei um Kosten und Leistbarkeit, jedoch kommen stärker und häufiger auch Fragen zu Ökologie und Nachhaltigkeit.

All diese Beobachtungen und Veränderungen zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind - vielleicht mit einer Nasenlänge Vorsprung vor anderen.

Weitere Infos über die Gemeinwohlbilanz bei Alpenland: https://www.alpenland.ag/unternehmen/gemeinwohl

... Isabella Stickler wird auf dem Ghezzo Immobilientag nachhaltige Immobilienprojekte vorstellen und in einer Podiumsrunde berichten welche Technologien sie für zukunftsträchtig ansieht

Zurück