Michael Altrichter im Interview

by Alexander Ghezzo

Michael Altrichter ist einer der Protagonisten der österreichischen Business Angel und Start-up Szene. Selbst erfolgreicher Gründer und mittlerweile durch seine Fernsehauftritte auch über die Wirtschaftswelt hinaus bekannt, hilft er als Impact Investor Start-Ups bei der Entwicklung ihres Businessmodels und berät Corporates dabei, den Start-Up Spirit an Bord zu holen. Er ist ein spannender Gesprächspartner und ich hatte die Ehre, im Zuge der Vorbereitung des TÜV SÜD Leadership Symposiums mit ihm ein Interview zu führen. Dabei ging es um den Strukturwandel im Zuge der Digitalisierung, um junge Menschen und deren Begeisterung, sowie um Kardinalfehler von Corporates und die unterschiedlichen Typen von Start-Up Gründern.

Autor Alexander Ghezzo

Alexander: Deine Rolle als Business Angel und Impact Investor: Vor ein paar Jahren wusste noch keiner, was diese Begriffe bedeuten, und heute sind das etablierte Begriffe –  Zeichen des Strukturwandels der Wirtschaft, der sich auch darin ausdrückt, dass große Unternehmen sich immer stärker den Start-Up-Spirit hereinholen. Wie hast Du in den letzten Jahren den Wandel der Wirtschaft erlebt?

Michael: Ich hatte die Ehre und das Glück, diesen kompletten Wandel mitzuerleben. Gemeinsam mit 3 Mitgründern habe ich mein erstes Unternehmen im Jahr 2000 gegründet, bevor die Dotcom Blase geplatzt ist und dieser Wandel noch nicht eingesetzt hatte. Damals gab es zumindest in Österreich den Begriff des Business Angels oder des Start-Ups noch gar nicht.

Heute gibt es eine veritable Business-Angel und Start-Up Szene: die AAIA (Austrian Angel Investors Association), aber generell alle Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, TV, Social Media sind auf das Thema aufgesprungen. Sendungen wie „2 Millionen – 2 Minuten“ haben dafür gesorgt, dass das Thema auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist – gottseidank!

Gegipfelt ist das Ganze in „startup300“, das wir vor 3 Jahren gestartet haben: Wir haben ein Start-Up Ökosystem aufgebaut, das Start-Ups, Kapital und Corporates zusammenbringt und für einen deutlichen Schub in der österreichische Szene gesorgt hat. Ich freue mich, dass ich diese Szene in Österreich mitprägen durfte.

Alexander: Ist Gründen heute deutlich leichter als damals?

Michael: Nein, nicht wirklich, Gründen selbst ist nicht leichter geworden, aber es gibt viel mehr Förderprogramme und das Investieren in Start-Ups ist salonfähig geworden. Heute findet man viel leichter zum Kapital als damals. „Speedinvest“, capital300, Pioneers Ventures etc. sind Initiativen, die das verdeutlichen.

Junge Leute sind mittlerweile gründungsfreudiger, es herrscht sogar schon Glücksritterstimmung, und jeder, der eine Idee hat, kommt schnell in die Fantasie, 5 Millionen EURO wert zu sein.

Alexander: Ich hab das Gefühl, dass viele Start-Ups gar kein funktionierendes Business Modell haben. Siehst Du das auch so?

Michael: Ja, das ist richtig. Aber KEIN Start-Up hat das zu Beginn, sondern es behauptet nur eines zu haben. Das ist auch nicht so dramatisch, denn ein Geschäftsmodell muss sich ohnehin zuerst am Markt beweisen, sonst ist ein Modell allein wertlos. Und das ist die Stunde der Wahrheit: Wie reagiert der Markt? Wird mein Produkt angenommen? Ist die Zahlungsbereitschaft wirklich da? Da tritt dann oft Ernüchterung ein.

Alexander: Trotzdem ist der Start-Up Spirit etwas, was sich auch etablierte Unternehmen wünschen. Was rätst Du ihnen?

Michael: Jedes Unternehmen ist von der digitalen Transformation erfasst, egal wie groß. Hier tut sich etwas fundamental Großes mit einer sich stets beschleunigenden Geschwindigkeit. Jedes Unternehmen weiß, dass es sich verändern muss, auch wenn man noch nicht vorhersagen kann, was GENAU passieren wird. Eine Möglichkeit für etablierte Unternehmen, sich dem Wandel zu stellen, ist eben, sich mit Start-Ups zu befassen. Das kann von kurzfristigen Kooperationen über Partnerschaften bis zum Integrieren von Start-Ups gehen, wobei bei der Integration oft die Gefahr besteht, dass der Start-Up Spirit verloren geht. Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die jedes Unternehmen tun kann und muss, und wir von startup300 bieten mit Pioneers Discover Corporates Unterstützung in allen Bereichen an. Und seit Jänner sind wir an der Wiener Börse notiert, im so genannten dritten Markt, und das verpflichtet uns noch stärker – den Shareholdern UND der Öffentlichkeit gegenüber.

Alexander: Was sind Kardinalfehler, die Corporates machen können im Rahmen des Wandels?

Michael: Dass die Corporates glauben, sie können alles allein schaffen. Unternehmen mit 1000 MitarbeiterInnen bestimmen oft intern einen kleinen Personenkreis, der sich mit Digitalisierung und Start-Up kümmern soll. Digitalisierung und Start-Up-Mentalität ist Chefsache, ist Kultursache! Wenn das nicht von ganz oben kraftvoll getrieben wird und von der gesamten Organisation übernommen wird, dann ist das zum Scheitern verurteilt.

Corporates sollten sich Beratungspartner suchen, die sie begleiten, und hier muss überhaupt die Frage geklärt werden, was Corporates erreichen wollen. Geht’s um den Spirit? Geht’s um Investitionen? Geht’s um neue Ideen? …

Alexander: Wie haben eigentlich junge Menschen die Szene verändert? Was kannst Du uns zum Thema „Motivation“ und „Generation Y“ sagen?

Michael: Es gibt 2 Extreme von Gründern- das sind Stereotypen…

Das eine sind die 23 jährigen Studienabbrecher, die keinerlei Managementerfahrung haben, aber den unbändigen Glauben in ihre eigenen Ideen. Sie sind frei und ungebunden, probieren was aus und gehen mit mutigen Visionen à la Bill Gates ins Rennen. Das sind Repräsentanten der Generation Y und Z. Und wenn es schief geht, haben sie zumindest Lebenserfahrung gewonnen.

Auf der anderen Seite sind die 35jährigen Gründer, die Familie, Kinder, Haus, Kredit, Mitarbeiter und Sekretärin haben und gewohnt sind, zu delegieren. Dieser Gründertyp hat Risikobewusstsein, kann nicht seine gesamte Existenz seiner Firmenidee widmen. Andererseits hat dieser Typ Gründer Berufserfahrung, kennt die Wirtschaft aus der Praxis. Diese Gründer rütteln meist die Szene nicht so sehr auf wie der erste Typ.

Alexander: Viele Corporates und ältere Menschen erzählen mir, dass sie es schwierig finden, mit jungen Menschen oder jungen Start-Ups zusammenzuarbeiten, weil sich die Jungen oft schon viel Leistung und Inspiration erwarten, bevor sie bereit sind, selbst etwas zu geben und dass sie sprunghaft sind. Erlebst du das auch so?

Michael: Nein, das kann ich pauschal nicht so sagen. Klar gibt es hier auch die Charaktere, die Glücksritter sind, oder sozial nicht super kompetent sind. Aber sprunghaft zu sein bedeutet auch, flexibel sein zu können. Man muss den jungen Gründern auch zugestehen, dass sie noch in der Selbstfindungsphase sind, dass ihre Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Ich hab schon Menschen erlebt, die ein Jahr nach der Gründung zu mir gekommen sind, und gesagt haben „das mit dem Kapitalismus ist doch nicht so meins, ich bin eher Künstler“. Da bleibt nur eins: so einen Menschen muss man einfach ziehen lassen. Derart fundamentale Werteänderungen sehen wir bei älteren Menschen und Gründern deutlich seltener.

Die Flexibilität an sich und die Bereitschaft, ständig neue Wege auszuprobieren, sind genau die Eigenschaften, die wir bei jungen Gründern brauchen, die müssen auch mal mutig ganz neue Wege einschlagen, wenn eine Richtung nicht funktioniert hat. Das ist eine sehr wertvolle Eigenschaft!

Alexander: Welche Rolle spielt für Dich Nachhaltigkeit?

Michael: Klimaschutz, Energiewende, Plastikmüll, Ressourcenverschwendung – das sind so viele Themen, die hier umfasst sind. Mir ist das Thema generell wichtig, und jeder soll sich in seinem Bereich dem Thema widmen: Journalisten, Lehrer, Professoren, Politiker, Unternehmer und Konsument: Nicht jeder kann alles machen und sich um alles kümmern, aber im eigenen Verantwortungsbereich ist immer Spielraum. Ich hab‘ mir das Thema Nachhaltigkeit in Business Modellen vorgenommen, wie z.B. bei meinem Investment in discovering hands, ein Unternehmen, das blinde und sehbehinderten Frauen  durch Tastuntersuchungen in der Brustkrebsvorsorge einsetzt. Das ist für mich echtes Impact Investment, da geht es nicht um kurzfristigen Profit, und es geht nicht um reines Spenden, sondern es ist ein Investment in Profitabilität gepaart mit nachhaltiger Verantwortung. Impact Investment – also Investment in erfolgsversprechende Ideen mit nachhaltigem Impact – sollte jeder Investor machen!

Alexander: Zu Dir persönlich: Was sind Deine weiteren Ziele, nachdem Du schon so viel erreicht hast?

Michael: Mir liegt viel daran, der Start-Up Szene viel zurückzugeben. Ich hatte das Glück des Tüchtigen, bei zwei sehr erfolgreichen Exits dabei zu sein. Da möchte ich einiges zurückgeben! Als Start-Up-Botschafter versuche ich mit der Regierung und den Ministerien die Rahmenbedingungen für Start-Ups zu schaffen, um die Szene weiter zu  beleben, damit wir den Anschluss an die internationale Szene halten. Wir sind hier nicht schlecht unterwegs, aber es geht noch besser.

Es macht mir Spaß, jungen Menschen bei deren Ideen zu unterstützen, sie wachsen zu sehen und ihnen auf dem Weg zum Erfolg zu helfen.

Und privat möchte ich noch mehr Zeit mit meiner Familie und mit meinen Kindern verbringen. Dazu gehört auch Musik, und nebenbei spiele ich noch manchmal Klavier, von klassischen Komponisten bis hin zur „Eiskönigin“, darauf fahren meine Kids gerade voll ab.

Gelegenheit Michael Altrichter persönlich kennen zulernen gibt es beim TÜV SÜD Leadership SymposiumMit dabei sind u.a. Oliver Kahn und die GeschäftsführerInnen und leitende ManagerInnen von Unternehmen wie Attensam, AluKönigStahl, Fronius, Pewag, Kapsch, Swietelsky, Miele, GLS u.v.a.

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