Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung: Das war der GBB Online-Pre-Event

by Alexander Ghezzo

GBB Pre-Event

Anstelle der geplanten 11. GBB, der Green and Blue Building Conference, die an diesem ersten Tag des harten Lockdowns für Österreich über die Live-Bühne hätte gehen sollen, haben wir live ein Online-Pre-Event veranstaltet. Damit haben wir ein Zeichen gesetzt – ein Zeichen, das Nachhaltigkeit in der Immobilienbranche ins Rampenlicht stellt, ein Zeichen, dass diese notwendigen Schritte auch in Lockdown- oder Krisenzeiten möglich und notwendig sind. Ein Zeichen, dass Austausch und Miteinander nie zu kurz kommen dürfen.

Aus den verschiedensten Blickwinkeln haben wir uns im Rahmen der Diskussionen und Beiträge genähert.

Perspektive Kreislaufwirtschaft und Cradle 2 Cradle

Marc Höhne, Drees & Sommer und Michel Weijers, C2C Expo Lab Niederlande eröffnen die Diskussion mit einem kurzen Impuls über Kreislaufwirtschaft, Cradle to Cradle und deren praktische Umsetzung am Beispiel vom Rathaus in Venlo (NL). „Die Bau- und Immobilienbranche ist für 33% des CO2 Ausstoßes und für 60% des Abfalls verantwortlich. Der Handlungsbedarf ist nicht wegzudiskutieren.“

„C2C ist tatsächlich umsetzbar, und zwar für schöne und moderne Häuser, in denen sich die Menschen nachweislich wohl fühlen“, beschreibt Michel Weijers das neue Rathaus, das nur eines vieler C2C Projekte in Venlo sind. „Wir haben längst mit dem Vorurteil gebrochen, dass C2C nur in Lehmhütten und durch Brennnesseltee-Trinken Ausdruck findet“, bringt er uns zum Schmunzeln.

Zweifelsohne ist Venlo ein Leuchtturm in Sachen C2C, aber man kann auch durch kleinere Schritte hier seinen Beitrag leisten. „Wiederverwendung von geschreddertem Beton ist zwar eher ein Downcycling, hilft aber schon. Wenn ganze Bauelemente wiederverwendet werden können, haben wir ein C2C Konzept, das praktisch umsetzbar ist. Die Modulbauweise unterstützt das perfekt“, ergänzt Erich Benischek, Blaue Lagune die Diskussionen. Ein wichtiger Baustein in den C2C Konzepten ist es auch, Materialien von vornherein einen konkreten Zweck nach ihrer ersten Nutzung zuzuschreiben. So wird die Immobilie gleichzeitig zum Rohstoffdepot.

Perspektive Politische Verantwortung

Auch seitens der Gesetzgebung gibt es Aufholbedarf: Dass derzeit noch Vollwärmeschutz-Systeme aus Polystyrol gefördert werden, muss bald schon der Vergangenheit angehören, äußert sich Bernhard Jarolim, Stadt Wien, durchaus kritisch gegenüber den Rahmenbedingungen. Aber er weist auch auf einen Stufenplan hin, der die Material-Recycling-Rate für Immobilien mittelfristig auf 80% bringen soll. Aber das allein wird die Branche nicht nachhaltiger machen – und so hat Bernhard Jarolim und die Stadt Wien einen breiten Diskurs gestartet, wie die Bauordnungen konkret zu durchforsten sind, um dem auch gerecht zu werden.

„Die Investitionsprämie ist ja schon ein guter Schritt in die richtige Richtung, hier braucht es aber noch Aufstockung. Das Thema Wohnen ist beispielsweise noch gar nicht vertreten“, so Karin Fuhrmann, TPA. Auch eine klare steuerrechtliche Positionierung, die Mixed Use Konzepte mitberücksichtigt, steht noch aus. Astrid Grantner, EHL Bewertung GmbH verweist darüber hinaus auf einen Regelungsentwurf der EBA, der es Banken künftig rechtlich erleichtern soll, Kredite für nachhaltige Immobilienprojekte zu vergeben.

Perspektive Wirtschaftliche Verantwortung

„Wir dürfen aber nicht erwarten, dass die Gesetzgebung und die zuständigen Regierungen alles schultern,“ mahnt Alexander Kopecek, Seestadt Aspern, ein. „Wir tragen als Entwickler selbst die Verantwortung, Projekte zu realisieren, die nachhaltig und kostengünstig sind.“ Als Beispiele aus der Seestadt Aspern nennt er dabei die Wiederverwendung von Aushubmaterial und Humus direkt vor Ort – was dank der Größe des Projektes logistisch möglich ist. Und noch deutlicher formuliert er: „Wir müssen endlich aufhören, das Billigste zu bauen und am teuersten zu verkaufen. Wer das weiterhin tun will, sollte zu Solidaritätsbeiträgen verpflichtet werden!“ Die Initiative „Lebensraum“ des VÖPE ist bereits eine konkrete Antwort darauf, wo sich die wesentlichen Projektentwickler Österreichs zusammengeschlossen haben, um sich dem Thema Nachhaltigkeit aktiv anzunehmen.

Perspektive Gesellschaft und Menschen

Am Ende liegt es an jedem/r einzelnen von uns, einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Bau- und Immobilienwirtschaft alle Dimensionen der Nachhaltigkeit  umsetzt: „So lange eine auf willhaben® oder ebay® gebraucht gekaufte Innentür den Nimbus minderer Qualität hat, so lange wird das Thema Kreislaufwirtschaft nicht in den Köpfen der Menschen verankert sein.“ Dass es hier nicht nur am Tun, sondern auch am Darüber-Reden liegt, wird auch aus den Diskussionen in unserem Online-Chat klar. Es reicht nicht, Leuchtturmprojekte zu realisieren, es braucht viele solcher Beispiele, die einfach und zielgruppenorientiert kommuniziert werden. Ob es eine Übertreibung ist, an dieser Stelle auch Kinderbücher ins Rennen zu werfen?

 

Perspektive Technologie

Erich Benischek weitet seine Aussage auch gleich aus: „In Sachen Refurbishment haben wir technologisch großen Aufholbedarf!“. Es muss also künftig auch kostengünstiger sein, gebrauchte Bauteile auszubessern, als neue zu produzieren. Und das ist derzeit nicht der Fall. In Sachen technologischer Planung ergänzt Christian Pillwein, Beckhoff: „Wenn wir uns die Lebens- und Arbeitssituationen der Zukunft ansehen, wird klar, dass Telekommunikation und Gebäudeautomation zu einer Multi-Media-Welt verschmelzen.“ Da die Planung zweifelsohne die wichtigste Phase der Weichenstellung ist, wird auch BIM im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit Raum greifen müssen, und logistische Herausforderungen müssen gemeistert werden.

Perspektive Soziale Nachhaltigkeit

Flughafen Wien

Wolfgang Scheibenpflug

Apropos Arbeits- und Lebenssituationen der Zukunft: Peter Engert (ÖGNI) gibt bekannt, dass der Office Park des Flughafen Wien jüngst mit dem Kristall-Award für soziale Nachhaltigkeit ausgezeichnet worden ist. „Das ist eine große Ehre und gleichzeitig Verantwortung für uns – und ist uns bestimmt nur dadurch gelungen, dass wir den Flughafen als Stadt denken. Als Lebensraum, wo Menschen arbeiten, lernen, Freizeit verbringen etc. Ein zweisprachiger Kindergarten, ein Ärztezentrum, Büro- und Gewerbeflächen sind nur ausgewählte Beispiele dafür, was wir dafür realisiert haben“, beschreibt Wolfgang Scheibenpflug, Flughafen Wien, den ausgezeichneten Standort.

Damit das nicht nur an ausgewählten Leuchtturmprojekten zur Realität wird, fehlt es mitunter noch an tragfähigen Geschäftsmodellen. „Die kommenden ruhigen Wochen könnte man doch genau dafür nützen, darüber nachzudenken und diese zu entwickeln“, lädt Peter Ulm alle ein.

Fazit

Gesetzgebung, Förderungen, gezielte Aus- und Weiterbildungen, Bewusstseinsbildung von Kindesbeinen an und ein echtes Bekenntnis der Wirtschaft sind mindestens die notwendigen Eckpfeiler, um Nachhaltigkeit in all ihren Dimensionen derart in der Branche zu verankern, dass eine echte und stabile Trendwende eingeleitet wird.

… und weiter?

Am 12.01.2021 planen wir, die 11. GBB Green and Blue Building Conference im Office Park des Flughafen Wien nachzuholen. Dort werden wir die all die angesprochenen Themen vertiefen, erweitern, diskutieren.

Und – es werden die Green and Blue Building Awards vergeben! Nicht verpassen also und gleich anmelden!

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