ESG und Kreislaufwirtschaft in Österreich – Bestandsaufnahme und Perspektiven

by Alexander Ghezzo

Autorin: Gudrun Ghezzo

Am 11.03.2022 haben sich Expertinnen und Experten der österreichischen Wirtschaft getroffen, um die heißesten Themen rund um ESG und Kreislaufwirtschaft in Österreich zu diskutieren.

Dieser Fachaustausch dient uns, der Ghezzo GmbH und dem ÖGV dazu, das Programm für die Veranstaltung „CLOSE THE CIRCLE – Fachkonferenz für Kreislaufwirtschaft und ESG“ zu erstellen.

Mit dabei waren:

  • Reinhard Backhausen, Nachhaltigkeitsexperte
  • Anna-Vera Deinhammer, Baudirektion Stadt Wien
  • Peter Engert, ÖGNI
  • Alois Fürnkranz, Saubermacher Bau- und Recycling GmbH
  • Wolfgang Hofer, OMV Downstream GmbH
  • Sabine Nadherny-Borutin, Plastics Europe, Austria
  • Gerald Kerbl, TPA Steuerberatung
  • Klemens Marx, viridad
  • Ursula Oberhollenzer, Österreichischer Gewerbeverein
  • Stephan Blahut, Österreichischer Gewerbeverein
  • Alexandra Stern, Ghezzo GmbH
  • Alexander Ghezzo, Ghezzo GmbH
  • Gudrun Ghezzo, Ghezzo GmbH

Wo steht Österreichs Wirtschaft in Sachen Kreislaufwirtschaft?

Die zusammenfassende Antwort auf diese Frage ist einfach… „JE NACHDEM, WO MAN HINSCHAUT…“

Konkret finden sich in den Strategiepapieren und Absichtserklärungen der Unternehmen durchwegs die entsprechenden Ziele, Vorhaben und Versprechen. Sucht man nach konkreten Projekten, wird die Suche schon mühsamer.

In Österreich funktioniert die Kreislaufwirtschaft bereits zu etwa 10%, zitiert Ursula Oberhollenzer eine kürzlich veröffentlichte Studie der TU Graz.

In der Bau- und Immobilienbranche zum Beispiel gibt es nicht zuletzt wegen der EU-Taxonomie-Verordnung einiges zu erfüllen. Auch aus der Abfallwirtschaft gibt es entsprechend regulativen Druck, was den Abriss und den Rückbau angeht. Ein wesentlicher Player fehlt aber in diesem Kreislauf: Die produzierende Bau-Industrie ist noch gar nicht auf Kreislaufwirtschaft eingestellt! Dies attestiert Peter Engert, Geschäftsführer der ÖGNI. Auf der anderen Seite des Lebenszyklus steht Alois Fürnkranz. Und er weiß um die Verantwortung der Abfallwirtschaft Bescheid: „Durch sorgfältige Schadstoffbestimmungen werden bedenkliche von unbedenklichen Materialien unterschieden – und es ist Kernaufgabe der Abfallwirtschaft, die Materialien im Kreislauf zu erhalten.“ Die Bausünden der 70er und 80er Jahre lassen ihn den Kopf schütteln. Gebäude nach 40 Jahren abzureißen und dann noch mit jeder Menge Schadstoffen und untrennbaren Baustoffen konfrontiert zu sein, kann niemand sinnvoll finden. Und Gott sei Dank wird so auch nicht mehr gebaut. „Mit dem Do-Tank Circular City Wien bauen wir eine Materialdatenbank auf, die jedes Gebäude, jeden Stein, jedes Rohr vermerkt hat. So wird es uns gelingen, unsere Bauten als das wahrzunehmen, was sie sind: Rohstofflager!“ – so formuliert Anna-Vera Deinhammer ihre Visionen von der Stadt Wien.

Stichwort Plastik: Kunststoffe stehen allein durch die Plastik-Inseln in unseren Meeren besonders unter Druck. Also hat im Kunststoffsegment die Kreislaufwirtschaft besonders Fahrt aufgenommen, und obwohl viele Initiativen kontrovers laufen, kann in einigen Punkten die Kunststoffbranche als Leuchtturm gesehen werden: „Wir wissen heute ganz genau, wo welche Kunststoffe im Umlauf sind, und wie sie genützt werden können“, berichtet Sabine Nadherny-Borutin.

Wolfgang Hofer verantwortet bei der OMV Downstream die Weiterentwicklung der Rohölgewinnung aus Plastikmüll- Er berichtet: „Vor 10 Jahren mussten wir bei der Unternehmensführung um Projekte wie RE-Oil kämpfen und Überzeugungsarbeit leisten. Heute kann es ihnen nicht schnell genug gehen, und es wird investiert in eine Vergrößerung der bestehenden Anlagen.“

Die Rolle der Politik in der Kreislaufwirtschaft

„Wir können nicht darauf warten, dass jemand den ersten Zug macht und uns ständig darauf ausreden, was seitens der anderen noch fehlt“, ist Ursula Oberhollenzer überzeugt. Die Rahmen seitens der Politik sind klar gesetzt: auf weltweiter, auf europäischer und auf nationaler Ebene sind klare Ziele formuliert, die es zu erreichen gilt. Am Committment fehlt‘s nicht – egal ob bei SDGs, Pariser Klimazielen, EU Green Deal, europäische und österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie.

Regulative sind ein verlässlicher Motor, um Kreislaufwirtschaft in Gang zu bringen. In der Immobilienbranche hat das Thema tatsächlich durch die EU-Taxonomieverordnung richtig Fahrt aufgenommen. Dennoch spricht Gerald Kerbl, TPA, den meisten aus der Seele: „Die Politik hat den Rahmen zu setzen – nicht mehr und nicht weniger. Die Politik ist nicht dafür verantwortlich, dass Unternehmen aktiv werden und entsprechend handeln.“

Ob die Regulative Anreiz schaffen oder Strafen vorsehen sollen, darüber kann man diskutieren. „Steuersenkungen für den Wiedereinsatz von Materialien ist sicherlich eine spannende Idee, und seitens der Wirtschaft können wir die Politik sicherlich triggern“, ermutigt einmal mehr Gerald Kerbl. Ganz faktisch wird aber auch der Finanzierungsdruck immer größer – die Banken werden genau prüfen, für welche Investitionen sie Kredite vergeben und für welche nicht.

In vielen Bereichen existieren schon ausreichend Normen, die einfach mal eingehalten werden müssten. Sachpolitik schafft aber auch widersprüchliche Situationen, dort nämlich, wo politische Zwänge auf einmal Atom-Strom grün machen, analysiert Klemens Marx.

Narrative, Überzeugungen, Motivation, etc.

Damit unser aller Aktivitäten nachhaltiger werden und auf die Rahmenziele ausgerichtet sind, braucht es noch viel Überzeugungsarbeit. Wir befinden uns hier in einer Zone, wo weder extrem wirkungsvolle noch extrem kontraproduktive Handlungen sofortige Wirkung auf unser Klima, auf unsere Wirtschaft entfalten. Wir müssen also daran glauben, dass wenn wir Gutes tun, später auch Gutes bewirken wird. In diesem Kontext ist die Bewusstseinsbildung extrem wichtig. Wir haben dies auf zwei Ebenen diskutiert:

„Circular Thinking muss in die Köpfe“ Dazu gehört Bildung und Aufklärung in allen Teilen unserer Gesellschaft. Alle müssen den Unterschied zwischen Materialkreisläufen (z.B. Glasrecycling) und funktionalen Kreisläufen (z.B. Pfandflasche) kennen. Wir müssen lernen, wie man CO2-Fußabdrücke abschätzen kann, und welche Optionen der/die einzelne hat, um den eigenen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Wir müssen lernen, dass nicht jeder Stoffkreislauf per se ein genialer Schachzug ist. Wir müssen im Alltag erkennen können, welche unserer Entscheidungen welchen Einfluss auf die Nachhaltigkeitsziele hat. Wir müssen im Supermarkt erkennen können, welche Produkte gut für die Umwelt sind, und welche nicht. „Durch unser ständiges Vorbild-Sein, durch permanente Bewusstseinsbildung leben wir als Wirtschaftstreibende, aber auch als Eltern ständig vor, worauf wir achten können und sollen. Mein Sohn fragt mich mit jedem Stückchen Plastikabfall, ob ich das in der OMV Re-Oil Anlage einsetzen kann“, stellt Wolfgang Hofer, OMV Downstream GmbH fest.

„Circularity muss in die Herzen“ Egal ob Plastik- oder Papiersackerl: wir sollten erreichen, dass es sich falsch anfühlt, Einweg-Verpackungen zu verwenden. Dazu gehört auch, dass wir den Dingen andere Namen geben. „Abfall ist ein Stoff, der seine wahre Bestimmung noch nicht gefunden hat“, oder „Vintage statt Abfall“, „Reworn statt recycelt“, und was uns noch einfällt, damit Kreislaufwirtschaft und nachhaltiges Agieren emotional positiv besetzt wird – hier sind alle gefragt. Wir brauchen Narrative, die berühren, wir brauchen gesellschaftliche Meinungsbildung, die das fördert. Wir wollen jedenfalls mit unserer Konferenz unseren Beitrag dazu leisten!

Und vergessen wir nicht, dass das was einmal Abfall genannt wurde, sowohl emotional als auch rechtlich Abfall ist. Beispiel Oslo: ein Kreislaufwirtschaftsprojekt wurde von Bürgerinitiativen verhindert, weil niemand im Abfall leben möchte. Und de jure ist Abfall auch nicht mehr im selben Maß als Ressource nutzbar.

Von den Köpfen und den Herzen in die Hände: Erst, wenn wir konkrete Schritte setzen, dann werden wir den Zielen auch näherkommen. Reinhard Backhausen berichtet von seiner Erfahrung in der Zusammenarbeit mit österreichischen Betrieben: „Cradle-to-Cradle, Kreislaufwirtschaft, erneuerbare Energien, … es gibt so viel zu tun, an so vielen unterschiedlichen Punkten anzufassen. Aber viele scheitern schon an der Frage – wo soll ich konkret beginnen? Was sind meine ersten, wirkungsvollen Schritte? Dazu braucht es klare, einfache Rezepte für alle.“ Wichtig dabei ist auch, Industrie und Handel zusammen in die Verantwortung zu nehmen. Denn was die Industrie hervorbringt, muss der Handel in den Markt bringen – hier ist einmal mehr Kooperation gefragt.

Vorzeigebeispiele vor den Vorhang

Tu Gutes und rede darüber – nicht, um im Rampenlicht zu stehen. Nicht, um sich bewundern zu lassen und Anerkennung zu ernten. Sondern vor allem darum, um anderen zu zeigen, dass ein oder zwei überzeugte und mutige Schritte, ein oder zwei konsequent verfolgte Ideen schon sehr weit führen können. Wir haben in Österreich ausreichend Vorzeigebeispiele, auch wenn es europaweit natürlich noch mehr gibt – darin sind sich alle einig. Unser Fokus auf unserer Konferenz „Close the Circle“ wird darauf liegen, den österreichischen Betrieben, die großteils privat geführte KMUs sind, Mut zu machen und Möglichkeiten aufzuzeigen, was realistisch machbar und erreichbar ist. Dazu wollen wir Unternehmen wie Wolford, Fahnengärtner, markta, etc. auf die Bühne bitten. Technologien für die Altstoffaufbereitung und die Qualitätsprüfung dürfen ebenso nicht fehlen. Viele Erfolgsgeschichten sind jedoch nicht auf ein einzelnes Unternehmen beschränkt.

Kooperation als Weg zum Erfolg

Mehr als jedes andere Thema braucht es in Kreislaufwirtschaft und ESG vertrauensvolle und langfristige Kooperationen. Erfolg bedeutet nicht die kurzfristige, individuelle Nutzen- oder Gewinnmaximierung, sondern den Zielen gegen die Erderwärmung und der Ressourcenschonung näher zu kommen. Erfolg bedeutet, an einem Strang zu ziehen und für ein globales Optimum zu kämpfen.

In unserem Wissen-Rockt-Netzwerk wollen wir einmal mehr mit dieser Fachkonferenz Kooperation leben: Gemeinsam mit Expertinnen und Experten, der österreichischen Wirtschaft, Politik und Vertreter*innen aller Lebensbereiche werden wir am 27.09.2022 dem Thema eine Bühne bieten, das niemanden von uns kalt lässt. Und wir werden gemeinsam einen wirkungsvollen Schritt für eine lebenswerte Zukunft setzen.

Besuchen Sie unsere Veranstaltungs-Website für weitere Informationen!

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