#wissenROCKT! Municipal Advisory Board 2026: Gemeinden im Dauerstress
Am 30. Jänner 2026 kam das Advisory Board der #wissenROCKT Konferenz Municipal Trends zusammen. Bürgermeister*innen, Vizebürgermeister*innen und leitende Verwaltungsvertreter*innen aus ganz Österreich diskutierten über jene Fragen, die Kommunen aktuell und in den kommenden Jahren am stärksten beschäftigen. Mit dabei waren:
- Markus Brandstetter, Vizebürgermeister von Amstetten
- Eveline Huber, Bürgermeisterin von St. Johann im Pongau
- Manfred Korzil, Stadtbaudirektor von Wiener Neustadt
- Karin Leitner, Vizebürgermeisterin der Stadt Linz
- Harald Leopold, Bürgermeister von Langenlois
- Max Oberleitner, Bürgermeister von Schwertberg
- Helga Rosenmayer, Bürgermeisterin von Gmünd
- Fritz Steindl, Bürgermeister von Gschwandt
Hier also ein strukturierter Blick auf die zentralen Top-Themen, die österreichische Gemeinden 2026 prägen: von Gemeindefinanzen über soziale Kohäsion, Stadt- und Ortsentwicklung, Klimaanpassung, Digitalisierung und KI bis hin zu neuen Kooperationsmodellen.
Eines vorweg: Die Herausforderungen sind groß, die Unterschiede zwischen Stadt und Land ebenso – doch der gemeinsame Wille, voneinander zu lernen, Lösungen zu teilen und neue Wege zu gehen, ist der Spirit unser Konferenz Municipal Trends.
Mit dabei:
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Markus Brandstetter, 1. Vizebürgermeister Stadtgemeinde Amstetten -
Mag. Alexander Ghezzo, Partner, Ghezzo: Wissen rockt! Zertifizierter KI Experte -
Gudrun Ghezzo, MBA Geschäftsführerin und Partner -
Eveline Huber, Bürgermeisterin, St. Johann im Pongau -
Manfred Korzil, Stadtbaudirektor Statutarstadt Wiener Neustadt -
Karin Leitner, Vizebürgermeisterin, Stadt Linz
Gemeindefinanzen unter Druck heißt Handlungsfähigkeit sichern
Die finanzielle Lage der Gemeinden war Inhalt beinahe jeder Diskussion. Sie begrenzt alle Bereiche kommunaler Entwicklung. Investitionen werden aufgeschoben, Projekte wegen ihr verkleinert oder in Etappen gedacht, Personalentscheidungen vertagt. Damit prägt die Finanzsituation nicht nur was getan wird, sondern wie Gemeinden arbeiten.
Es sind die stetig steigenden Umlagen im Zuge des Finanzausgleichs und die rückläufigen Einnahmen nach drei Rezessionsjahren, die Landgemeinden und wirtschaftsstarke Städte belasten: „Eigentlich waren die Einnahmen nicht schlecht, aber wir haben unglaublich hohe Landesumlagen abzugeben.“, berichtet Karin Leitner, Vizebürgermeisterin Linz.
Die finanzielle Enge zwingt Gemeinden dazu, stärker zu priorisieren und politische Entscheidungen transparenter zu begründen. Gleichzeitig steigt der Erwartungsdruck aus der Bevölkerung, da viele Leistungen als selbstverständlich wahrgenommen werden. In diesem Spannungsfeld wird finanzielle Steuerung zunehmend zu einer Frage politischer Kommunikation und Erwartungsmanagements. Eine Bürgermeisterin beklagt: „Bestimmt ein Jahr lang waren wir im Minus bei den Ertragsanteilen und das macht es natürlich sehr, sehr schwierig, irgendetwas zu gestalten.“
Die Reaktion sind kleinteilige Projekten mit entsprechen Budgets, Bürgerbeteiligung und das Einbeziehen von Vereinen.
Soziale Spannungen, Einsamkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Neben den finanziellen Fragen trat im Advisory Board ein zweites prägendes Themenfeld hervor: das veränderte gesellschaftliche Klima. Polarisierung, Einsamkeit und ein rauerer Umgangston machen kommunale Führung anspruchsvoller und persönlicher.
Bürgermeister*innen fungieren zunehmend als emotionale Projektionsflächen. Entscheidungen – selbst wenn sie außerhalb kommunaler Zuständigkeit liegen – werden unmittelbar mit Personen verknüpft. Das verändert die politische Arbeit grundlegend und erhöht die persönliche Belastung der Verantwortungsträger*innen: „Das geht dann wirklich zu persönlichen Angriffen auf meine Person.“, sagt Helga Rosenmayer, Bürgermeisterin Gmünd.
Gleichzeitig zeigt sich Einsamkeit als strukturelles Phänomen, das alle Altersgruppen betrifft. Gemeinden reagieren darauf mit neuen sozialen Infrastrukturen, die bewusst niederschwellig angelegt sind und nicht an Konsum oder formale Mitgliedschaften gebunden sind - soziale Kompetenzzentren, generationenübergreifende Treffpunkte oder gezielte Vereinsförderungen.
„Einsamkeit geht durch alle Altersgruppen, also durch die Generationen durch.“, so Eveline Huber, Bürgermeisterin St. Johann im Pongau
St. Johann im Pongau, Gschwandt oder Linz übernehmen zunehmend Aufgaben, die früher von Familien, Vereinen, Kirchen oder dem Markt getragen wurden.
Stadt-, Orts- und Quartiersentwicklung als Identitätsfrage
Wie können Gemeinden ihren Charakter bewahren und gleichzeitig zukunftsfähig bleiben? Quartiersentwicklung, Ortskernbelebung oder die Umnutzung historischer Gebäude sind nur einige Antworten.
Große, abgeschlossene Projekte treten 2026 in den Hintergrund, schrittweise Transformationen, die Raum für Anpassung lassen, dominieren. Bürger*innenbeteiligung ist dabei kein formales Instrument mehr, sondern ein kontinuierlicher Dialog, der Akzeptanz und Mitverantwortung erzeugt.
In diesem Themenfeld zeigte sich ein starkes Bewusstsein die soziale Bedeutung des öffentlichen Raums. Leerstände, bspw. in historischen Gebäuden, sorgen für Abwertung der Gegend, versiegelte Plätze erzeugen Hitze und fehlende Aufenthaltsräume verstärken Einsamkeit. Der öffentliche Raum beeinflusst, wie Menschen ihre Gemeinde erleben und nutzen. Als kommunale Daseinsvorsorge ersetzt er die zunehmend fehlenden privaten Angebote. „Es geht darum, die Menschen wieder mehr einzubinden, sie in ihrem Grätzl hier zu beteiligen.“, sagt Markus Brandstetter, Vizebürgermeister Amstetten. Die Bürger*innen sollen unter anderem den Grünraum aktiv mitgestalten. Transparenz ist hier ein Stichwort: „(…) wenn wir mit den Bürgern kommunizieren, stärkt das die Identifikation und es gibt nicht so viel Gegenwind.“, so Manfred Korzil, Stadtbaudirektor Wiener Neustadt.
Stadtentwicklung wird damit zur Vertrauensarbeit. Sie entscheidet darüber, ob Gemeinden als gestaltende Akteure wahrgenommen werden oder als reaktive Verwaltungen. Die Municipal Trends Konferenz greift genau diese Schnittstelle zwischen Planung, Politik und Gesellschaft auf.
Stadtentwicklung wird damit zur Vertrauensarbeit. Sie entscheidet darüber, ob Gemeinden als gestaltende Akteure wahrgenommen werden oder als reaktive Verwaltungen. Die Municipal Trends Konferenz greift genau diese Schnittstelle zwischen Planung, Politik und Gesellschaft auf.
Klimaanpassung, Hitze und Hochwasserschutz
Klimatische Veränderungen sind Teil der täglichen Planungsrealität. Hochwasserschutz, Hitzeentwicklung und Starkregenereignisse beeinflussen Investitionsentscheidungen ebenso wie Flächenwidmung und Stadtgestaltung.
Es geht weg von rein technischen Schutzmaßnahmen und Prestigeprojekten hin zu Lösungen, die ökologische, soziale und städtebauliche Aspekte verbinden. Entsiegelung, Begrünung und Retentionsflächen sind Beispiele für die Anpassung an den Klimawandel – Stichwort Schwammstadt.
Frühere Planungsentscheidungen, wie etwa stark versiegelte Plätze, müssen heute korrigiert werden. Sie verursachen neue Probleme und Kosten. Plätze sollen nutzbar, nicht nur ordentlich sein. Mittlerweile spüre man die Klimafolgen vor Ort, nicht nur theoretisch. „Wir entsiegeln mittlerweile Parkplätze, um versickerungsfähige Möglichkeiten zu schaffen.“, so Manfred Korzil. Die Klimaanpassung wird somit gleichrangig mit Straßen oder Gebäuden behandelt.
„Der Kamp geht bei uns, wenn es Starkregenereignisse gibt, immer wieder über und überflutet große Teile der Stadt.“, sagt Harald Leopold, Bürgermeister Langenlois, während er ein grundlegendes Umdenken betont: „Wir sind derzeit dabei, [die Versiegelung] mit sehr viel Aufwand wieder rückzubauen.“
Klimaanpassung wird damit zu einer langfristigen Gemeinschaftsaufgabe, die technisches Know-how, politische Standfestigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz erfordert.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – Werkzeug, nicht Ersatz
Zum Thema Digitalisierung und Künstliche Intelligenz äußert sich das Advisory Board nüchtern und praxisorientiert. Es ging um sehr konkrete Anwendungsfälle, die aus einem akuten Mangel heraus entstehen: fehlendes Personal, steigende Dokumentationspflichten und wachsende Komplexität in Verwaltung, Pflege und Planung.
KI wird als Hilfsmittel zur Stabilisierung bestehender Leistungen verstanden, nicht als Innovationsmotor. Ohne digitale Unterstützung ist es in bestimmten Bereichen schlicht nicht mehr möglich, den Regelbetrieb aufrechtzuerhalten.
In Linz ist der Einsatz von KI im Pflegebereich am weitesten fortgeschritten. Vizebürgermeisterin Karin Leitner schildert: „(…) da wird die KI bereits im Regelbetrieb eingesetzt, zum Beispiel über Sturzerkennungs-KI, telemedizinischen Einsatz oder sprachgesteuerte Systeme.“ Der Zweck sei aber klar Entlastung des Personals, nicht Ersatz menschlicher Arbeit: „Das schaufelt das Personal frei für die Arbeit, die eben K.I. nicht leisten kann: Die Arbeit am Menschen.“
Auch in der kommunalen Verwaltung wird KI eingesetzt, allerdings bewusst intern und unterstützend. Schwertbergs Bürgermeister, Max Oberleitner, berichtete, dass KI vor allem bei Sitzungsprotokollen, Recherchearbeiten und interner Korrespondenz genutzt wird, um Zeit zu sparen und Arbeitsprozesse zu vereinfachen.
Gleichzeitig äußerten mehrere Bürgermeister klare Vorbehalte. Markus Brandstetter warnte vor Fehlinformationen und unkritischer Nutzung von KI-generierten Inhalten, während Fritz Steindl den Datenschutz als zentrale offene Frage benannte. Eveline Huber verwies zudem auf die Abhängigkeit von großen Technologiekonzernen und die fehlende digitale Souveränität: „Wenn die [US-Tech Firmen] irgendwann sagen, jetzt schalten wir einfach mal Microsoft aus, dann können wir unsere Computer gar nicht mehr starten.“, so Eveline Huber, Bürgermeisterin St. Johann im Pongau.
KI wird dort eingesetzt, wo sie entlastet, strukturiert und unterstützt. Die Verantwortung für Entscheidungen, Kommunikation und politische Steuerung bleibt jedoch eindeutig beim Menschen.
Kooperationen, Allianzen und neue Verwaltungsmodelle
Die genannten kommunalen Herausforderungen, wie Klimawandel, Vereinsamung, Digitalisierung etc., übersteigen die Leistungsfähigkeit einzelner Gemeinden. Es braucht Kooperationen, um kommunale Aufgaben weiterhin qualitativ erfüllen zu können.
Gerade kleinere Gemeinden stoßen rasch an ihre Kapazitätsgrenzen, während größere Städte zwar über mehr Fachwissen verfügen, dieses aber nicht beliebig skalieren können. Kooperationen entstehen daher dort, wo Aufgaben gemeinsam effizienter erledigt werden können: etwa durch Gemeindeverbände, geteilte Verwaltungsleistungen oder regionale Zuständigkeiten: „Mittlerweile sind wir so weit, dass wir viele Aufgaben der Gemeinden übernehmen.“, sagt Harald Leopold, Bürgermeister Langenlois
Kooperationen müssen allerdings sorgfältig gestaltet werden. Die Angst vor dem Verlust lokaler Identität, vor zusätzlicher Bürokratie oder vor unklaren Zuständigkeiten spielt eine große Rolle. Erfolgreiche Kooperationen wurden im Advisory Board dort gesehen, wo Aufgaben klar verteilt sind und Gemeinden ihre politische Verantwortung behalten.
Kooperationen entstehen nicht nur auf dem Papier, sondern durch persönliche Begegnungen und kontinuierlichen Austausch. Formate, die genau diesen Raum schaffen, werden von den Gemeinden als echter Mehrwert wahrgenommen. So auch die Municipal Trends am 23.06. in Linz, Markus Brandstetter, Vizebürgermeister Amstetten, sagt: „Aufgrund unserer Zusammenarbeit bei der Municipal Trends haben wir neue Netzwerke dazu bekommen. Neue Menschen sind nach Amstetten gekommen. Es ist ganz wichtig, was ihr macht.“
Kleine Schritte statt großer Würfe – die neue Realität kommunaler Entwicklung
Ein Leitmotiv des Advisory Boards war die bewusste Abkehr von großen Leuchtturmprojekten hin zu vielen kleinen, realistisch umsetzbaren Maßnahmen.
Diese Fokussierung auf kleine Schritte ist eine pragmatische Reaktion auf die derzeitigen Rahmenbedingungen: Unsichere Finanzierungsgrundlagen, volatile Förderbedingungen, fehlendes Fachpersonal sowie der politische und gesellschaftliche Druck, Maßnahmen rasch und nachvollziehbar umzusetzen. Kleinere Projekte lassen sich unter diesen Voraussetzungen schneller realisieren, einfacher erklären und gegenüber politischen Gremien wie auch gegenüber der Bevölkerung besser vertreten.
Veränderungen durch eine Vielzahl solcher Maßnahmen, die schrittweise Wirkung entfalten. Vor diesem Hintergrund stellt sich eine Frage, die auch im Rahmen der Municipal Trends Konferenz weiterdiskutiert werden soll: Wie können diese vielen einzelnen Projekte sinnvoll aufeinander abgestimmt werden, ohne dabei den längerfristigen Entwicklungsrahmen aus dem Blick zu verlieren?
Übersehene, aber zentrale Themenfelder
Neben den dominanten Diskussionssträngen wurden im Advisory Board mehrere Themen angesprochen, die strategisch hochrelevant sind, im bisherigen Diskurs jedoch oft untergehen:
- Jugend & öffentlicher Raum: Mehrere Bürgermeister wiesen darauf hin, dass es in ihren Gemeinden an niederschwelligen, konsumfreien Aufenthaltsräumen fehlt, insbesondere für Jugendliche.
- Gesundheit & Pflege: Neben dem Personalmangel wurde vor allem die organisatorische Belastung angesprochen. Digitale Systeme werden bereits eingesetzt, um den Pflegebetrieb überhaupt aufrechterhalten zu können.
- Bildung & Kinderbetreuung: Insbesondere aus städtischer Perspektive steigt die Zahl an Integrationsplätzen in der Kinderbetreuung stark an. Das führt zu wachsenden sprachlichen sowie pädagogische Herausforderungen. Dabei gehe es nicht nur um mangelnde Deutschkenntnisse, sondern um grundlegende Kommunikations- und Entwicklungsdefizite bei Kindern mit besonderem Betreuungsbedarf.
- Raumordnung & Bodenpolitik: Es gibt die Sorge vor Bodenspekulation und dem Verlust kommunaler Gestaltungsmöglichkeiten: „Wir haben große Angst, dass dieses Areal ein Spekulationsgebiet wird.“, sagt Max Oberleitner, Bürgermeister Schwertberg.
Das kommunale Aufgabenfeld ist inzwischen also sehr breit geworden. Umso wichtiger sind Plattformen, die diese Komplexität sichtbar machen.
Fazit: Ausblick 2026 – zwischen Belastung und Gestaltungskraft
Das Advisory Board 2026 hat eines klar gezeigt: Die Gemeinden stehen unter enormem Druck - finanziell, gesellschaftlich und organisatorisch. Gleichzeitig zeigt sich eine hohe Bereitschaft zu pragmatischen, kleinteiligen Innovationen – vor allem dort, wo sie unmittelbar entlasten oder konkrete Probleme lösen.
Die größten Chancen liegen in Kooperation, sozialer Nähe, kluger Digitalisierung und einer neuen Ehrlichkeit im Umgang mit Grenzen. Die größten Pain Points bleiben knappe Budgets, Personalmangel und steigende Erwartungen. Doch dort, wo Austausch gelingt und Mut zur Zusammenarbeit besteht, entstehen neue Handlungsspielräume.

