(Ziegel-)Stein für (Ziegel-)Stein... Kreislaufwirtschaft im U-Bahn-Tunnel
Kreislaufwirtschaft ist das Zukunftsmodell für die Bauwirtschaft. In Wien wird sie bereits Realität. Beim Ausbau der U2 fällt tonhaltiges Aushubmaterial an, das bisher überwiegend deponiert wurde. Gemeinsam mit den Wiener Linien hat Wienerberger einen innovativen Weg eingeschlagen: Aus Tunnelaushub werden neue Ziegel produziert.
Im Interview mit #wissenROCKT spricht Vanessa Rausch von wienerberger über technische Herausforderungen, ESG-Potenziale und die Frage, wie aus einem Pilotprojekt ein neues Modell für die Bauwirtschaft werden könnte.
Alexander Ghezzo: Kreislaufwirtschaft und urbaner Tunnelbau klingt nach einer ungewöhnlichen Kombination. Wie ist die Idee entstanden, den Aushub der U2-Verlängerung nicht einfach zu deponieren, sondern daraus Ziegel zu machen?
Vanessa Rausch: Die Idee entstand aus einer naheliegenden Beobachtung: Beim Ausbau der Wiener U-Bahn fallen große Mengen Aushubmaterial an, das bislang größtenteils deponiert wurde. Gleichzeitig enthält dieses Material Ton – also genau jenen Rohstoff, der traditionell für die Ziegelproduktion eingesetzt wird. Gleichzeitig enthält dieses Material Ton – also genau jenen Rohstoff, der klassisch für die Ziegelproduktion verwendet wird. Das Projekt dreht diesen Ansatz um und behandelt den Aushub nicht als Abfall, sondern als wertvollen Ausgangsstoff für einen hochwertigen Baustoff.
Da das Material ohnehin vorhanden war und sonst kostenintensiv entsorgt werden müsste, entstand daraus ein wirtschaftlich wie ökologisch sinnvoller regionaler Kreislauf. Wiener Aushub wird zu Wiener Baustoff.
Alexander Ghezzo: Wie hoch war die technische Hürde, aus dem Tunnelton einen marktfähigen Baustoff zu entwickeln, der bei Statik, Dämmung und Schallschutz keine Abstriche macht?
Vanessa Rausch: Die technische Herausforderung liegt in der Analyse, Aufbereitung und Prüfung des Aushubmaterials für den Einsatz in der Ziegelproduktion. Dank unseres Labors in Hennersdorf, das auf die umfassende Qualitätsprüfung solcher Rohstoffe ausgerichtet ist, können wir diesen Prozess jedoch effizient und verlässlich abwickeln. Zu den Qualitätsprüfungen zählen mineralogisch-chemische Analysen, Prüfungen des Trocknungs- und Brennverhaltens, Kornverteilung und Plastizität, Laborpressungen zur Festigkeitsprüfung sowie Untersuchungen auf Verunreinigungen. Die wienerberger Ziegel aus dem U-Bahn-Aushub erreichen dieselbe Qualität wie herkömmliche Produkte, ohne Nachteile bei Statik, Dämmung oder Schallschutz.
Alexander Ghezzo: Wie überzeugt man den Markt davon, dass Recyclingmaterial kein Kompromissprodukt ist?
Vanessa Rausch: Entscheidend ist, dass wir nicht mit einem „Recycling-Bonus“, sondern mit echter Gleichwertigkeit argumentieren. Die Ziegel erfüllen dieselben technischen Anforderungen wie herkömmliche Produkte und können uneingeschränkt in Wohnbauprojekten eingesetzt werden. Auch wirtschaftlich gibt es keinen Nachteil, da sie zum gleichen Preis wie vergleichbare Produkte angeboten und regulär über den Baustoffhandel vertrieben werden. Gleichzeitig wächst im Markt das Bewusstsein für nachhaltige Baustoffe und ressourcenschonende Lösungen. Wir markieren die Ziegel aus dem Aushub mit dem Prägestempel „Wien“ und machen damit sowohl die gelebte Kreislaufwirtschaft als auch die enge Verbundenheit zur regionalen Herkunft sichtbar.
Alexander Ghezzo: Wie groß ist das Potenzial, dieses Modell auf andere Großbaustellen in Wien oder europäischen Städten zu übertragen?
Vanessa Rausch: Unser Modell kann als Vorzeigeprojekt dienen und ist grundsätzlich sehr gut übertragbar. Überall dort, wo große Bauprojekte stattfinden, und tonhaltiges Aushubmaterial anfällt, kann daraus ein regionaler Baustoffkreislauf entstehen. Wien verfügt grundsätzlich über gute geologische Voraussetzungen mit geeigneten tonhaltigen Böden. Ob sich das Aushubmaterial tatsächlich weiterverwerten lässt, muss jedoch stets standortspezifisch geprüft werden. Gleiches gilt für andere europäische Städte, wo das vorhandene Aushubmaterial vorab genau analysiert werden müsste. Auch in Österreich gibt es neben Wien interessante Regionen mit potenziell geeigneten Tonvorkommen – etwa in Niederösterreich entlang des Donauraums rund um Krems, Tulln, Korneuburg oder St. Pölten, ebenso in Gmunden, der Südoststeiermark, dem Klagenfurter Becken oder im Raum Mattersburg und Eisenstadt. Wenn Materialqualität, Logistik und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen, lässt sich dieses Modell also sehr gut auch an anderen Standorten umsetzen.
Alexander Ghezzo: Welche Bedeutung hat so ein Projekt für ESG-orientierte Bauträger, institutionelle Investoren und nachhaltige Stadtentwicklung?
Vanessa Rausch: Das Projekt verbindet mehrere Nachhaltigkeitsziele gleichzeitig: Kreislaufwirtschaft, Reduktion von Primärrohstoffen, kurze Transportwege, geringe Emissionen und regionale Wertschöpfung. Für ESG-orientierte Bauträger oder Investor:innen ist das besonders relevant, weil nicht nur ein Produkt nachhaltiger wird, sondern die gesamte Wertschöpfungskette. Das schafft konkrete Vorteile für Bauprojekte, bei denen Ressourcenverbrauch, Emissionen und regionale Beschaffung zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Alexander Ghezzo: Wie groß ist das Potenzial in Bezug auf Ressourcenschonung, Deponievermeidung und Biodiversität?
Vanessa Rausch: Bereits die erste Rohstofflieferung von den Wiener Linien umfasste rund 44.000 m³ Aushubmaterial. Daraus werden in etwa 2,8 Millionen Ziegel hergestellt - genug für rund 1.000 Einfamilienhäuser. Große Materialmengen müssen dadurch nicht deponiert werden, gleichzeitig reduziert sich der Bedarf an neu gewonnenem Ton. Natürliche Ressourcen werden geschont und bestehende Stoffströme sinnvoll genutzt. Durch die Verarbeitung in österreichischen Werken nahe Wien verkürzen sich zudem Transportwege, was zusätzliche CO₂-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette reduziert. Das ökologische Potenzial ist damit erheblich – bei Ressourcenverbrauch, Emissionen, Flächennutzung und Entsorgung.
Alexander Ghezzo: Gab es regulatorische Hürden – und was müsste sich ändern, damit solche Projekte künftig Standard werden?
Vanessa Rausch: Eine zentrale Herausforderung lag in den Genehmigungsprozessen und den erforderlichen Nachweisen, dass das Aushubmaterial sämtliche Qualitäts- und Normanforderungen für die Ziegelproduktion erfüllt. Sämtliche erforderlichen Freigaben für die wienerberger Ziegel aus dem U-Bahn-Aushub wurden inzwischen erteilt, wodurch die Serienproduktion Anfang März erfolgreich starten konnte und die Ziegel seither regulär erhältlich sind.
Alexander Ghezzo: Was braucht es, damit solche Pilotprojekte vom Einzelfall zur Norm werden?
Vanessa Rausch: Damit solche Pilotprojekte künftig zur Norm werden, braucht es mehrere Voraussetzungen, die ineinandergreifen. Entscheidend ist zunächst geeignetes Aushubmaterial, welches wir zur Prüfung erhalten und dessen Qualität jeweils standortspezifisch geprüft werden muss. Ebenso notwendig sind technisches Know-how, verlässliche Analyse- und Aufbereitungsprozesse sowie eine konsequente Qualitätssicherung, damit das Material industriell eingesetzt werden kann. Ebenso wichtig ist die wirtschaftliche Tragfähigkeit, denn Kreislaufprojekte müssen sich auch am Markt behaupten können. Wenn öffentliche Hand, Projektträger großer Bauvorhaben und die Baustoffindustrie zusammenarbeiten, können aus erfolgreichen Einzelprojekten skalierbare Modelle für die Bauwirtschaft von morgen werden.
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