Österreichs Gemeindestraßen werden digital
Ein Smartphone an der Windschutzscheibe, eine reguläre Fahrt durch die Gemeinde – und am Ende ein vollständiger, objektiver Überblick über den Zustand aller Straßen. Was nach einer einfachen Lösung klingt, steckt hinter einer Plattform, die heute in mehreren hundert Gemeinden in Europa und den USA im Einsatz ist. Jonas Hock von vialytics erklärt im Interview zur Municipal Trends Konferenz in Linz, warum digitale Transparenz für Gemeinden oft die günstigste Entscheidung ist, die sie treffen können.

Foto: vialytics App und Plattform
Alexander Ghezzo: KI-Plattform für kommunale Infrastruktur – was kann man sich darunter genau vorstellen?
Jonas Hock: vialytics ist ein intelligentes Straßenmanagementsystem. Wir verbinden KI-gestützte Zustandserfassung mit digitalem Auftragsmanagement und vorausschauender Haushaltsplanung. Konkret funktioniert das so: Ein Mitarbeiter des Bauhofs befestigt ein Smartphone an der Windschutzscheibe des Gemeindefahrzeugs und fährt durch das Straßennetz, wie er das sowieso jeden Tag tut. Das System fotografiert automatisch alle vier Meter die Straßenoberfläche, versieht jedes Bild mit GPS-Koordinaten und Zeitstempel und lädt alles in die Cloud hoch. Hier verpixelt unsere KI zunächst alle sensiblen Daten wie KfZ-Kennzeichen und Gesichter bevor die Bilder analysiert und Schäden in 15 verschiedenen Schadenskategorien systematisch erkannt werden – von Rissen und Schlaglöchern bis hin zu Flickstellen und Oberflächenverschleiß.

Foto: vialytics App
Das Ergebnis ist ein aktueller, objektiver Überblick über den Zustand aller Gemeindestraßen auf einer Notenskala von 1 bis 5. Auf dieser Grundlage können Bauamtsmitarbeiter Prioritäten setzen, Aufträge vergeben, Maßnahmen dokumentieren und das Budget langfristig planen. Was früher Wochen an manueller Begehung bedeutet hat, passiert jetzt nebenbei, bei der nächsten regulären Fahrt.

Foto: vialytics Plattform
Wir nennen das System bewusst eine Plattform, weil Straßenerfassung nur der Ausgangspunkt ist. Heute deckt vialytics sechs Module ab: Dokumentation, Auftragsmanagement, KI-basierte Zustandsanalyse, Verkehrszeichen-Copilot, Haushaltsplanung und GIS-Integration. Eine Gemeinde kann klein einsteigen und das System schrittweise ausbauen, je nachdem, was sie braucht.
Alexander Ghezzo: KI ist mittlerweile ein inflationär eingesetzter Begriff. Was bedeutet er bei vialytics genau? Welche Daten holt sich die KI selbstständig? Welche Fehlerquellen gibt es?
Jonas Hock: Sie haben recht. KI wird heute für alles verwendet, vom Autocomplete-Feature bis zum Sprachmodell. Bei vialytics bedeutet KI ganz konkret: Computer Vision, also Bilderkennungsalgorithmen, die trainiert wurden, um Straßenschäden in Fotos automatisch zu identifizieren und zu klassifizieren. Das Modell wurde mit Millionen von Straßenbildern aus sieben Ländern trainiert und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Monatlich kommen 15 bis 20 Millionen neue Bilder dazu.
Die KI holt sich keine Daten selbstständig aus dem Internet. Sie analysiert ausschließlich die Bilder, die die Gemeinde selbst aufgenommen hat. Das sind Bilder der Fahrbahn, keine Personen, keine Nummernschilder, keine sensiblen Daten. Die Datenhoheit liegt immer bei der Gemeinde.
Was mögliche Fehlerquellen betrifft: Das Thema liegt fast immer bei der Bildaufnahme selbst. Wenn die Windschutzscheibe verschmutzt ist oder die Straße bei der Aufnahme verdeckt wird, verschlechtert sich die Bildqualität und damit auch die Auswertungsqualität. Deshalb ist ein umfassendes Training bei Systemeinführung für uns Standard. Neue Partnerkommunen lernen von Beginn an, wie sie die besten Aufnahmebedingungen herstellen – damit solche Fehler erst gar nicht auftreten. Das System selbst arbeitet dabei präziser und konsistenter als die menschliche Wahrnehmung: ohne Ermüdung, ohne subjektive Tagesform. Ein eigenes Qualitätssicherungsteam evaluiert die Ergebnisse laufend und entwickelt das Modell kontinuierlich weiter.
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Bild: vialytics AI Demo
Alexander Ghezzo: vialytics hat ja mittlerweile auch einen erfolgreichen Markteintritt in den USA hinter sich. Wie sind denn die kommunalen Herausforderungen dort? Wie sieht es mit Technologieoffenheit im Vergleich zu Deutschland aus?
Jonas Hock: Amerikanische Kommunen kämpfen mit denselben strukturellen Problemen wie europäische: veraltete Infrastruktur, knappe Budgets, wenig Personal. Das US-Infrastrukturpaket mit über 100 Milliarden Dollar für Straßensanierung hat viele Städte dazu gebracht, aktiv nach datenbasierten Lösungen zu suchen. Das war für vialytics der richtige Moment.
Was wir dabei festgestellt haben: eine ausgeprägte Technologieoffenheit. Neue Ansätze werden ausprobiert, wenn sie einen klaren Nutzen zeigen. In Kombination mit dem politischen Rückenwind durch das Infrastrukturpaket hat das für uns einen sehr positiven Start ermöglicht. Heute vertrauen in den USA bereits mehrere hundert Gemeinden auf vialytics, und wir arbeiten mit Partnern wie Colliers Engineering & Design zusammen, um den Rollout weiter zu skalieren.
Das Kernproblem ist überall dasselbe: Kommunale Entscheider wissen, dass ihre Straßen sanierungsbedürftig sind, aber sie wissen nicht, wo sie zuerst aktiv werden sollten. Hier hilft vialytics, egal ob in Ohio oder Oberösterreich.
Alexander Ghezzo: Und der Unterschied Deutschland – Österreich?
Jonas Hock: Wenn ich ehrlich bin: Deutschland und Österreich haben inzwischen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Die Herausforderungen sind dieselben, die Lösungen funktionieren genauso, und was uns in beiden Ländern antreibt, ist auch dasselbe.
Was ich in Österreich aber wirklich anders erlebe: Der Markt ist besser vernetzt. Österreich ist flächenmäßig kleiner, und das führt dazu, dass Vernetzung hier auf einer anderen Ebene stattfindet. Was ich in Deutschland auf Bundeslandebene beobachte, dass Gemeinden eines Bundeslandes miteinander sprechen, Erfahrungen teilen, sich gegenseitig empfehlen, das erlebe ich in Österreich auf nationaler Ebene. Bürgermeister kennen sich, Bauhofleiter tauschen sich aus, und die positive Erfahrung einer Gemeinde transportiert sich viel schneller.
Das ist für uns als vialytics ein echter Vorteil: Wenn eine Gemeinde gute Erfahrungen macht, wissen das bald auch die Nachbargemeinden. Und das schafft ein Vertrauen, das durch keinen Vertriebspitch ersetzt werden kann.
Dazu kommt, dass wir in Österreich seit 2026 mit einem lokalen Partnernetzwerk aktiv sind. Partner, die die österreichischen Strukturen kennen, die lokale IT-Landschaft verstehen und die Gemeinden bei der Integration begleiten. Wir bringen nicht einfach eine Stuttgarter Lösung nach Österreich – wir kommen mit dem passenden lokalen Ökosystem.
Alexander Ghezzo: Wie beurteilt Ihr den AI Act und die Regulierungen im Zusammenhang mit Datenschutz und digitaler Kommunikation?
Jonas Hock: Der EU AI Act trat im August 2024 in Kraft und verfolgt einen risikobasierten Ansatz: KI-Systeme werden nach ihrem Gefährdungspotenzial eingestuft, von verbotenen Anwendungen über Hochrisiko-KI bis hin zu Systemen mit minimalem Risiko. Öffentliche Stellen unterliegen dabei eigenen Prüfpflichten.
Für vialytics haben wir eine interne Bewertung vorgenommen und sind dabei zu einem klaren Ergebnis gekommen: Unser System fällt in die Kategorie begrenztes bis minimales Risiko. Warum? Das System unterstützt menschliche Entscheidungen, trifft aber keine automatisierten Verwaltungsakte. Es wird kein biometrisches Scoring verarbeitet, es gibt keinen Personenbezug. Die Anwendung dient ausschließlich der Infrastrukturwartung.
Wir begrüßen den AI Act ausdrücklich, gerade als Unternehmen, das transparent mit seiner KI umgeht. Ein europäischer Regulierungsrahmen schützt Kommunen vor Anbietern, die mit „KI" werben, ohne erklären zu können, was dahintersteckt. Bei vialytics ist das anders: Wir dokumentieren alle KI-Funktionen nachvollziehbar, menschliche Kontrolle ist jederzeit möglich, und Datenminimierung ist ein vertraglich zugesicherter Grundsatz.
Was die DSGVO betrifft: Als Unternehmen mit Sitz in Stuttgart sind wir vollständig DSGVO-konform. Alle Daten bleiben in der EU, gehören der Gemeinde und können auch nach einem allfälligen Vertragsende vollständig mitgenommen werden. Das bietet österreichischen Kommunen ein hohes Maß an Rechtssicherheit.

Alexander Ghezzo: Erlebt Ihr auch, dass sich Kommunen vor so einer digitalen Transparenz scheuen?
Jonas Hock: Das begegnet uns durchaus, oft mit einem Augenzwinkern: „Ich möchte am liebsten gar nicht wissen, was alles kaputt ist." Eine menschlich völlig verständliche Reaktion.
Aber wenn man sich gemeinsam hinsetzt und durchdenkt, was Transparenz eigentlich bringt, ändert sich die Perspektive fast immer. Der entscheidende Gedanke ist: Je mehr ich weiß, desto besser kann ich handeln. Kleine, frühzeitige Maßnahmen verhindern große, teure Schäden. Wer seinen Straßenzustand kennt, kann priorisieren, und wer priorisieren kann, wirtschaftet nachhaltig, auch mit knappem Budget.
Was ich außerdem beobachte: Die Skepsis am Anfang hat weniger mit Angst vor Transparenz zu tun als damit, dass vialytics in Österreich noch nicht überall bekannt ist. Wir sind heute das einzige System, das die Kombination aus echten Erfahrungswerten mit österreichischen Gemeinden und den dafür passenden Funktionen mitbringt. Es gibt bereits viele Referenzen, auch in Österreich, und trotzdem haben viele Gemeinden noch nicht von vialytics gehört. Sobald das erste Gespräch stattfindet und die Möglichkeiten klar werden, ändert sich die Haltung.
Viele unserer Partnerkommunen haben begonnen, die Zustandsdaten proaktiv im Gemeinderat zu präsentieren. Die Reaktion ist fast immer dieselbe: Anerkennung, dass die Verwaltung das Thema professionell angeht – und oft auch mehr Rückhalt für das Budget, das vorher schwer durchzusetzen war.
Alexander Ghezzo: Viele Kommunen haben momentan echte finanzielle Herausforderungen. Bremst das die Digitalisierung aus?
Jonas Hock: Digitalisierung hat in vielen Fällen einen mittel- und langfristigen Nutzen, und wenn akut Löcher im Haushalt gestopft werden müssen, gerät die Langfristperspektive unter Druck. Das ist eine Realität, mit der Gemeinden genauso umgehen müssen wie Unternehmen.
Gleichzeitig ist das für mich genau der Grund, warum man den Blick auch in anspruchsvollen Zeiten nicht verlieren darf. Wer nur reaktiv entscheidet, wird nie vor die Welle kommen.
Und konkret für vialytics: Aus eigener Erfahrung rechnet sich das System für die meisten Gemeinden sehr früh, oft schon bei den ersten großen Baustellen. Ein Beispiel, das immer wieder auftaucht: Bei Leitungsarbeiten, ob Glasfaserausbau oder Fernwärme, entsteht danach fast immer die Frage, wer für entstandene Straßenschäden aufkommt. Mit einer lückenlosen Vorher-Nachher-Dokumentation durch vialytics ist das eine sachliche, klare Angelegenheit. Die nicht ausgegebenen Reparaturkosten übersteigen die Jahresgebühr für vialytics oft um ein Vielfaches.
Was ich mir grundsätzlich wünschen würde: eine Förderung auf Bundesebene, die Gemeinden hilft, den ersten Schritt zu gehen und die kurzfristige Investition zu überbrücken. Der langfristige Nutzen digitaler Prozesse ist eindeutig belegt – es fehlt manchmal schlicht der Brückenschlag dorthin.
Alexander Ghezzo: Wie stellt Ihr die Integration in all die anderen Systeme einer Gemeinde sicher, damit keine Parallelwelten entstehen?
Jonas Hock: Das ist eine der Fragen, die wir am häufigsten hören, und sie ist absolut berechtigt. Niemand braucht eine weitere Insellösung.
Unser Ansatz ist klar: vialytics stellt Daten in standardisierten Formaten zur Verfügung und ist grundsätzlich mit allen gängigen GIS-Systemen kompatibel. Wir sind nicht hier, um bestehende GIS-Systeme zu ersetzen. Wir sind die operative Ergänzung dazu.
Das hat auch mit unserer Geschichte zu tun: vialytics ist stark von der praktischen Lösung her gedacht, aus dem Alltag der Bauhöfe und Bauämter. Das gibt uns eine Flexibilität, die klassische kommunale Software oft nicht hat. Wir versuchen uns in alle Richtungen kompatibel zu halten, weil wir wissen, dass eine synchrone Datenlage keine Frage des Komforts ist, sondern die Grundvoraussetzung dafür, nicht in Silos zu arbeiten.
Das Ergebnis für die Gemeinde: Straßenzustandsdaten fließen dort ein, wo sie gebraucht werden, ohne Doppelerfassung, ohne manuelle Übertragung, ohne Parallelwelten.
Alexander Ghezzo: Wie hat sich vialytics in der Stadtgemeinde Wels konkret bewährt – was hat sich verändert?
Jonas Hock: Wels ist für mich eines der besten Beispiele dafür, wie Digitalisierung in der kommunalen Praxis wirklich funktioniert: schrittweise, konsequent und durch echten Nutzen im Alltag.
Die Stadt hatte vorher manuelle Prozesse rund um das Thema Straße. Heute entwickelt sich vialytics dort zum zentralen System für alles, was mit Straße zu tun hat. Die Stadtwerke sind eingebunden. Die Außendienst-Teams arbeiten autonom, sie erfassen, dokumentieren und erhalten Aufträge direkt über das System. Was mich dabei am meisten beeindruckt: Die Stadt ist inzwischen so eigenständig im Umgang mit dem System, dass die Abstimmung mit uns sehr partnerschaftlich auf Augenhöhe stattfindet. Das ist das Ziel: eine Gemeinde, die ihr Straßenmanagement wirklich in der Hand hat.
Wels steht damit exemplarisch für eine Entwicklung, die wir in Österreich an mehreren Orten sehen. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich in Wörgl in Tirol, das als erste Gemeinde in ganz Tirol vialytics eingeführt hat und damit zum Pionier für die gesamte Region geworden ist. Mittlerweile folgen viele weitere Tiroler Gemeinden. Was mich dabei besonders fasziniert: Wels und Wörgl haben sich bisher nie miteinander abgestimmt – und trotzdem entwickeln sich beide in dieselbe Richtung. Weil sie vor denselben Herausforderungen stehen. Das zeigt, dass es sich hier nicht um Einzelfälle handelt, sondern um eine Entwicklung, die kommunalübergreifend Sinn ergibt.
Alexander Ghezzo: Wohin geht die Reise – was kommt bei vialytics als nächstes?
Jonas Hock: Wir werden uns weiterentwickeln, so wie wir uns in der Vergangenheit entwickelt haben: indem wir zuhören. Gemeinden haben echte Probleme, und wenn wir verstehen, welche das sind, entstehen daraus neue Funktionen.
Ein gutes Beispiel ist die automatische Erkennung beschädigter Schachtdeckel. Das ist keine Funktion, die wir aus einer Produktstrategie heraus entwickelt haben. Das ist eine Antwort auf etwas, das Gemeinden uns immer wieder beschrieben haben: dass neben dem Asphalt auch andere Infrastrukturelemente im Blick behalten werden müssen. Genauso werden wir auch in Zukunft arbeiten.
Das übergeordnete Ziel bleibt dabei dasselbe: Es soll noch viele weitere Gemeinden geben, die ihren Arbeitstag morgens mit vialytics starten und ihn abends damit abschließen. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen.
Jonas Hock von vialytics spricht dazu bei der Municipal Trends Konferenz am 23.06. in Linz.
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