Nachbericht zur Municipal Trends #6: Gemeinden kommen 2026 vom Reden ins Tun.

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Am 23. Juni durften wir zum sechsten Mal die Gastgeber*innen für über 80 Bürgermeister*innen, Amtsleiter*innen, Innovatoren und Expert*innen sein. Auf der Municipal Trends – Konferenz für Kommunalentwicklung im brandneuen Linzer Arcotel Tabakfabrik haben wir zu den wichtigsten Kernthemen der Kommunalentwicklung willkommen geheißen. Einmal mehr stand der Tag im Zeichen der Inspiration und des Netzwerkens, was auch unsere Teilnehmer*innen unterstreichen: „Von der Praxis für die Praxis - ein super Format“ und „Gerade in schwierigen Zeiten ist die Vernetzung und aus anderen Beispielen zu lernen besonders wichtig“. Welche topaktuellen Herausforderungen die Bürgermeister*innen und Gemeinden Österreichs bewältigen und vor allem wie – das erfahren Sie hier!

P.S: Die Vorträge der Konferenz finden Sie am Seitenende zum Download.

Der Blick in die Umgebung

Die vielschichtigen Probleme unserer Zeit, sei es Budgetdruck, Wohnbau oder Klimaschutz, lösen sich nicht von selbst. Das haben die Bürgermeister*innen verstanden. Der Blick richtet sich deshalb zunehmend auf das unmittelbare Umfeld: auf Nachbargemeinden, regionale Partner, Vereine und die eigenen Bürger*innen. Auf der Municipal Trends #6 kamen, selbst in Diskussionen zu Digitalisierung oder Infrastruktur, immer wieder Kooperationen mit anderen Bürgermeister*innen, Unternehmen, Vereinen und Ehrenamtlichen als Lösungsansatz zur Sprache.

Auffällig war dabei noch etwas anderes: Wohnen, Mobilität, Energie oder Ortsentwicklung wurden nicht als getrennte Aufgaben gesehen. Ein neuer Ortskern funktioniert nur mit guter Mobilität, leistbares Wohnen hängt zunehmend von Energiekosten ab und Infrastruktur muss mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen.

Das Gebot der Stunde ist daher sicherlich „Ärmel hochkrempeln und anpacken, statt weiterjammern", wie Citymanagerin Elisa Steinberger (Stadt Graz) es passend formuliert.

Probleme

Österreichs Gemeinden stehen 2026 vor einer Vielzahl an Herausforderungen. Budgetdruck trifft auf hohe Investitionsbedarfe. Infrastruktur, Kinderbetreuung und öffentlicher Verkehr müssen trotz knapper Kassen ausgebaut werden. Währenddessen steigen die Ansprüche an Verwaltung und Digitalisierung, Wohnraum wird teurer, Ortskerne verlieren an Attraktivität und Extremwetter macht Investitionen in Klimaresilienz notwendig. Große Infrastrukturprojekte werden vielerorts verschoben, obwohl sie langfristig unverzichtbar sind.

Doch Österreichs Bürgermeister*innen begreifen diesen Wandel als Chance, Gemeinden neu zu denken: effizienter, vernetzter und näher an den Bedürfnissen der Bevölkerung. Das OB steht außer Frage. Es geht um das WIE.

Die drei Antworten der Gemeinden

Drei Lösungsmuster zogen sich durch fast jede Diskussion des Tages: Allianzen mit anderen Gemeinden, kleinteilige Projekte mit Bürger*innen und Vereinen, und eine offensive Kommunikation. Die zunehmenden Herausforderungen sind alleine nicht machbar. Es fehlen Geld, Zeit und Arbeitskräfte, für Energieversorgung, Kinderbetreuung, Infrastruktur und Mobilität.

Die nächsten Jahre werden deshalb ein "Mosaik" aus vielen kleinen Maßnahmen, die gemeinsam aber den Fortschritt bringen, so Ulrike Feichtinger aus Gmunden. Viele Gemeinden setzen auf Projekte, die unmittelbar umsetzbar sind und Menschen aktiv einbinden. Sie benötigen eher wenig Kapital, schaffen sichtbare Verbesserungen und stärken die Identifikation mit der Gemeinde. Dennoch sind sie kein Ersatz für große Investitionen sind, gerade bei Infrastruktur, Wohnbau oder Mobilität.

Viele Bürgermeister*innen beschrieben Bürger*innen, Vereine und Ehrenamtliche als wichtige Partner bei der Umsetzung kommunaler Aufgaben. Die Zeit, in der das Rathaus möglichst alles allein erledigt, ist vorbei. Dafür geht es zunehmend darum, Verantwortung zu teilen und Menschen Möglichkeiten zur Mitgestaltung zu geben.

Zur Mitgestaltung ist Kommunikation das Instrument. Diese wird weniger als Öffentlichkeitsarbeit verstanden, als Verwaltungsaufgabe. Bürgermeister*innen berichteten übereinstimmend, dass frühzeitige Information, Erreichbarkeit und ehrliche Rückmeldungen Konflikte oft besser entschärfen als perfekte Lösungen – besonders in den sozialen Medien.

Allianzen

Die Stimmen nach mehr Zusammenarbeit sind laut. Moderatorin Gudrun Ghezzo hakt genau nach: Welche konkreten Allianzen können Sie vorweisen?

Der Blick nach links und rechts, zwischen verschiedenen Bürgermeister*innen, geht von einem geteilten Kindergarten über acht Gemeinden in Oberösterreich zu einer gemeinsamen Sporthalle, die jeden Tag ausgebucht sei. Kooperationen entstehen nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern bündeln auch Kompetenzen. „Wenn man eine kompetente Stelle in der Region hat, muss man Projekte nicht 20-mal verwirklichen.", sagt Gschwandts Bürgermeister, Fritz Steindl, über einen Kindergartenverband. Linz' Vizebürgermeisterin Karin Leitner betont, dass die Daseinsvorsorge, die die Linz AG von Energie bis Infrastruktur auch umgebenden Gemeinden bietet, auf enger Zusammenarbeit und geteilter Verantwortung basiert.

In der anspruchsvoller-werdenden Zusammenarbeit mit Bürger*innen, die es gewohnt seien, nach oben zu diktieren, müsse man lernen, NEIN zu sagen. Das heißt nicht, dass deren Probleme ignoriert werden, sondern an Vereine und Ehrenamtliche ausgelagert werden. Die Verwaltung gibt dabei nur die Richtung vor. Dadurch fühlen sich Bürger*innen gehört und können sogar mitgestalten. In der Marktgemeinde Sitzendorf beispielsweise wurde die Badeanstalt an einen Verein übergeben, der sich nun um deren Instandhaltung kümmert.

Gerade im ländlichen Raum seien die Menschen oft erst irritiert von neuen Ansätzen. In St. Johann in Tirol beispielsweise wurde mit der HomeBase ein Kulturzentrum eröffnet, das als neutraler Raum für Jung und Alt agiert. Hier kann man Ideen austauschen und gleich ins Handeln kommen. So wurde schon Bier gebraut und neue Straßenfeste ins Leben gerufen. Die Menschen brauchen etwas Gewöhnungszeit und vor allem aktive Betreuung. Judenburg hat es so geschafft, mittels Facebook-Aufruf innerhalb kurzer Zeit über 100 Freiwillige zu finden, die den Mountainbiketrack regelmäßig in standhalten.

„Erfolgreiche Gemeinden investieren in Menschen", sagt Thomas Brandtner (Gemeinsinn KG), denn es sind oft die Hidden Champions, die nicht in der Politik sind, die viel Gestaltungswillen haben.

Wenn man über mehrere Nachbargemeinden eine kompetente Stelle hat, muss man Projekte nicht 20 mal verwirklichen.

Fritz Steindl, Gschwandt

Die Daseinsvorsorge über Linz' Stadtgrenzen hinweg, also Energie, Wasser, Infrastruktur, funktioniert nur, weil Vertrauen zwischen den Gemeinden da ist.

Karin Leitner, Linz

Kommunikation

Als Bürgermeister*in ist man eine Person des öffentlichen Lebens. In Zeiten von Instagram, Facebook, TikTok und Co. ist man entsprechend auch mit ungefilterter Frustration konfrontiert. Wie geht man damit um? Die klare Antwort aller ist: direkt, offen und ehrlich ansprechen und konfrontieren, und das so früh wie möglich. Eine erwartete Reaktionszeit von 10 Minuten ist selbst für digitalisierte Gemeinden schwer einzuhalten, doch sind viele Bürgerinnen mit irgendeiner Reaktion schon zufrieden.

Oft beschweren sich Leute, die man persönlich kennt. Bei Themen wie Migration kann es dennoch auch vorkommen, dass die Kommentare von Dutzenden Fake-Profilen gespickt sind. Trotzdem sei es wichtig, den öffentlichen Kanal couleurfrei und objektiv zu halten. Bietet man den persönlichen Dialog an, ziehen die meisten den Schwanz ein. Selbst wenn das Angebot wahrgenommen wird, muss man meistens nur zuhören, dann geht es den Bürger*innen schon besser.

Doch auch die analoge Vernetzung ist wichtig – sei es beim Stammtisch oder im Festzelt. Dabei zu sein und sich auch „angranteln" zu lassen, sei der Schlüssel zur Beliebtheit.

Wie wichtig dieses Zuhören ist, zeigt sich quer durch die Gemeinden: In Mattighofen entstand ein Kreisverkehr gemeinsam mit einem eigenen Stadtentwicklungsverein – Bürgermeister Daniel Lang fasst seinen Wunsch an die eigene Zunft so zusammen: „Zuhören, 15 Minuten einfach zuhören, dann geht's den Bürger*innen schon besser." In Langenlois berichtet Harald Leopold Ähnliches: Eine ehrliche Rückmeldung überrascht Bürger*innen positiv und löst oft genau die Reaktion aus, die man sich erhofft. Und in Judenburg hat sich bewiesen: Wer Vereinen echte Aufgaben überträgt, wie die Instandhaltung eines Mountainbiketrails durch über 100 Freiwillige, muss vor allem eines liefern: eine Rückmeldung, die nicht im Leeren verläuft. „Es darf nicht versanden", bringt es Vizebürgermeister Thorsten Wohleser auf den Punkt.

Auch das digitale Pendant zu diesem Prinzip zeigte St. Johann in Tirol mit seinem „digitalen Michl". Mehr dazu im Digitalisierungskapitel.

Gemeindefinanzen & Investitionsdruck

Die Lage sei ernst, hören wir häufig über den Tag verteilt. „Wenn die Bürger*innen sehen, dass wir nicht mehr investieren, haben wir ein Demokratieproblem." (Wolfgang Greil, Katsdorf). Doch hängen auch Investitionen mit Macht und Wahlkampf zusammen. „Gemeinden sparen am ehesten bei der Infrastruktur, weil das nicht gesehen wird, beispielsweise in der Kanalisation", kritisiert Nationalratsabgeordneter Wolfgang Kocevar. „Wenn Gemeinden da nicht mehr investieren, verliert auch die Wirtschaft an Momentum", denn Gemeinden seien der größte Auftraggeber für Handwerk und Mittelstand. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Gemeinden stetig – sowohl durch neue gesetzliche Vorgaben als auch durch die Erwartungen der Bevölkerung.

Es sei eine Riesenherausforderung, mit einem Defizit von 4,5 % des BIP einen Bundeshaushalt zu erstellen, verteidigen einige Gäste die Landes- und Bundesregierung – vor allem, da kein Bereich sparen oder Macht verlieren will. Klar ist dennoch: die Herausforderungen der Zukunft können wir mit dem aktuellen Föderalismus nicht schaffen. „Es kostet Unmengen Geld, wenn jedes Bundesland seinen eigenen Kuchen backt", sagt Kocevar. Jeder müsse seinen Beitrag leisten, die Kommunen genau wie die Landeshauptleute. Sparen geht am besten durch effiziente Prozesse.

Es ist eine schon enorme Herausforderungen, unsere primären Aufgaben zu erfüllen. Wir haben verlernt NEIN zu Bürger*innen zu sagen.

Florian Hinteregger, Marktgemeinde Sitzendorf

"Gemeinden müssen sparen, und tun das am ehesten bei der Infrastruktur. Denn die Kanalisation sieht man nicht."

Wolfgang Kocevar, Nationalratsabgeordneter

Wohnen & Ortsentwicklung

Was sowohl die Städte als auch kleinere Gemeinden nicht alleine lösen können, ist das Sterben der Innenstädte. Quartiersentwicklung gemeinsam mit den Bürger*innen ist dafür sehr erfolgreich.

Neben zunehmendem Onlineshopping sind auch häufigere Hitzetage und marode Gebäude ein Problem. Die Stadt Graz hat, um dem entgegenzuwirken, eine neue Stelle geschaffen: Citymanager*in. Elisa Steinberger sagt klar: „Die Zeiten von vor 15 Jahren sind vorbei. Wenn das Sortiment nicht mehr attraktiv ist, muss man sich nicht wundern, wenn man lieber online shoppt." Sie fordert mehr Service, weniger Regulierung für die Einkaufsläden.

Oft liegt es nicht am fehlenden Willen des Rathauses, sondern an blockierten Liegenschaften und Demografie. Viele ältere Menschen hausen in viel zu großen, zentralen Wohnungen, nutzen diese Bestlage aber nicht. Die Jüngeren leben derweil weiter außerhalb. Gleichzeitig gibt es viele leerstehende Objekte, die per se nicht verkauft werden wollen. Als Bürgermeister*in müsse man „die Leute überzeugen, ihre Gebäude zur Verfügung zu stellen", so Harald Leopold aus Langenlois. Das kann auch in Form von intergenerationalem Wohnen funktionieren.

Als Stadtgemeinde sei das wesentlichste Tool zur Belebung allerdings die Quartiersentwicklung, sagt Markus Brandstetter aus Amstetten. Andere Bürgermeister*innen schwören auf Neugestaltung der Hauptplätze – vor allem weniger Parkplätze und mehr Begrünung sollen diese attraktiver machen. Doch Parkplätze sind ein sensibles Thema und sollten mit Bürger*innen abgesprochen werden. In Ober-Grafendorf wirkte das Argument: „Wir nehmen keinen einzigen Parkplatz weg, wenn wir ihn nicht für eine höherwertige Nutzung brauchen." Fallen zwei Parkplätze weg, an deren Stelle dann ein neuer Schanigarten steht, beschwert sich keiner. Weniger Autos, Mehrfachnutzungen von Gebäuden, kurze Wege, attraktive öffentliche Räume und eine gute Erreichbarkeit tragen dazu bei, Wohnen, Arbeiten und Freizeit wieder stärker miteinander zu verbinden.

Die hohe Nachfrage an Wohnungen kann momentan trotzdem nicht gedeckt werden. „Es fehlen 60.000 Wohnungen", rechnet Sebastian Nitsch (Northpoint Advisors/CubeX) vor. „Der Wohnbau steht vor einer industriellen Revolution – das wird nur noch in serieller Produktion mit hochgradiger Vorbereitung in den Fabriken gehen." Hohe Baukosten und Fachkräftemangel bremsen klassische Projekte aus, bestehende Fördermodelle werden kritisch gesehen: Energetische Sanierungen seien zwar sinnvoll, könnten in manchen Fällen die Mieten jedoch so stark erhöhen, dass sie dem Ziel leistbaren Wohnens widersprechen.

Man muss sich anschauen, warum der Preis so hoch ist. In die Regulatorik einzugreifen wäre der erste richtige Schritt. Wenn man beispielsweise Dinge einbauen muss, die kein Mensch braucht, muss man sich nicht wundern, wenn die Mieten unleistbar werden.

Manfred Korzil, Statutarstadt Wiener Neustadt

Als Stadtgemeinde ist das wesentlichste Tool die Quartiersentwicklung.

Markus Brandstetter, Stadtgemeinde Amstetten

Digitalisierung & KI in der Verwaltung

Die Digitalisierung macht auch vor Gemeindegrenzen keinen Halt. Im Gegenteil: Gemeinden müssen den Grundstein dafür setzen. Die Basis dafür ist Glasfaserinfrastruktur. „Wir bauen Glasfasernetze, die müssen wir 50 Jahre nicht anfassen. Wir bauen und betreiben Infrastruktur, der Endkunde bekommt das Angebot von den Anbietern", bringt es Hartwig Tauber (ÖGIG) auf den Punkt. Spätestens seit dem Einzug von KI sind die bisherigen Kupferkabel zu schwach.

Und KI dringt immer tiefer in die Gemeinde. Während einige Ämter sie noch schüchtern zum Protokollieren von Ratssitzungen nutzen, lassen andere ihr Verkehrs- und Parkleitsystem davon steuern. SWARCO prognostiziert in St. Johann in Tirol beispielsweise schon im Voraus, welche Straßen wann voll sind und wo Staus entstehen können, und leitet die Autos entsprechend um.

Auch das digitale Amt kommt – die ID Austria ist da ein erster Schritt. St. Johann in Tirol hat dieses Prinzip weitergedacht und bietet mit der „St. Johann Card" eine eigene Karte an, mit der man Müll an- und abmelden oder Bergbahnen buchen kann. Digitalisierung funktioniert aber nur, wenn die Menschen mitgenommen werden: St. Johann setzt dafür auf den „digitalen Michl", einen 18-Jährigen, der älteren Bürgerinnen und Bürgern digitale Amtswege erklärt. Mehrere Bürgermeister betonten deshalb, dass digitale Angebote analoge Wege ergänzen, aber nicht ersetzen dürfen.

Ist KI und Digitalisierung das Allheilmittel für die Ressourcenengpässe, fragt Gudrun Ghezzo? KI reduziert Routineaufgaben, Zeitaufwand und es entsteht eine einheitliche Entscheidungsgrundlage für Verwaltung, Stadtwerke und Politik.

Digitalisierung und KI bieten eine einmalige Möglichkeit, die Verwaltung zu entlasten. Viele Aufgaben sind Motivationskiller – wie die Spielplatzkontrolle oder das Baumkataster. Dabei kann man viel Arbeitszeit und Ressourcen sparen. Ähnlich betrifft das auch die Instandhaltung von Straßen. Jonas Hock von vialytics stellt mit dem Tiefbauleiter von Wels, Patrick Scherer, die Implementierung vor. Es sei „wie Google Street View aus Ingenieursperspektive". Die Software scannt die Straßen während einer Routinefahrt, etwa der Müllabfuhr, und erkennt Baumaßnahmen direkt. „Fünf Techniker, die sich das sonst anschauen, haben fünf Meinungen – so aber ist es für jeden transparent und verständlich", ergänzt Scherer.

Ganz ohne Schattenseiten kommt die Entwicklung aber nicht. Hartwig Tauber warnt vor digitaler Abhängigkeit: „Was wäre los, wenn die USA einfach Microsoft sperren sollten – das ist nicht unrealistisch, siehe Anthropic vor drei Wochen." Und Klaus Gasteiger, Bürgermeister von Kaltenbach, berichtet von Bürger*innen, die mit dem Tempo der Digitalisierung schlicht überfordert sind – weshalb seine Gemeinde unter anderem auf lokale Software statt Cloud-Dienste umgestiegen ist. Wo der digitale Weg an seine Grenzen stößt, brauche es immer auch die analoge Option, ergänzt Stefan Seiwald aus St. Johann in Tirol.

Wir haben einen 18-jährigen, Michl, der den Älteren mit der Digitalisierung hilft. Wo er nicht helfen kann, muss es aber immer auch die Möglichkeit geben, es analog zu machen.

Stefan Seiwald, St. Johann in Tirol

Wir müssen aufpassen, dass wir unser Bürger und Bürgerinnen mit dem Tempo der Digitalisierung nicht überfordern.

Klaus Gasteiger, Kaltenbach

Wir bauen Glasfasernetze, die müssen wir 50 Jahre nicht anfassen.

Hartwig Tauber, öGIG

Klimaschutz, Energiewende & Resilienz

Die Konferenz fand am 23. Juni statt – mitten in Europas Hitzewelle, bei 35 Grad Außentemperatur. Das nagelneue Arcotel war natürlich klimatisiert – dennoch wurde auch der Klimawandel und die Energiewende diskutiert. „Wenn wir von Energiebedarf reden, sprechen viele von Strom und PV. Wärme ist bei vielen noch nicht dabei", gibt Mirko Warzecha (Mensch und Maschine Austria) zu bedenken und veranschaulicht den Bedarf anhand von Baden-Württemberg: Dort entfallen 50 % des gesamten Energiebedarfs allein auf Wärme. Die dortige Regulatorik verlangt nun von allen Gemeinden, binnen zwei Jahren eine fertige Wärmeplanung vorzulegen

Eine mögliche Antwort liegt überraschend nah: Rechenzentren. „Der Hebel, um Technik sinnvoll einzusetzen, fängt bei der Planung an – die Silos müssen aufgebrochen werden", sagt Christian Pillwein (Beckhoff). Allein in Österreich fließen derzeit hunderte Millionen Euro in neue Rechenzentren – große Wärmeerzeuger, deren Abwärme jedoch vielerorts ungenutzt an die Umgebung abgegeben wird, statt in kommunale Wärmenetze eingebunden zu werden. Generell müsse Energieversorgung stärker auf Quartiersebene gedacht werden: Gemeinsame Erzeugung, Speicherlösungen und Gebäudeautomation könnten Betriebskosten langfristig senken. Gerade beim leistbaren Wohnen wird künftig weniger die Errichtung als der laufende Energieverbrauch über die Leistbarkeit entscheiden.

Dass Städte resilienter werden müssen gegen Extremwetter, ist spätestens nach dem Hochwasser vor zwei Jahren jedem bewusst. Der nötige Wandel führt dafür auch zu Unbeliebtheit – in Schwertberg mussten entlang der Aist einige Hektar Bauland zu Grünfläche umgewidmet werden. Um den Fluss werden einige Meter begrünt, was Überschwemmungen größtenteils verhindert. Gleichzeitig wurden dort Schmutz- und Reinwasserkanäle getrennt. Der Klimaschutz sei sehr ambivalent, was auch online kontrovers diskutiert wird. Die Stadt ruft zum Wassersparen auf, während manche Bürger „Klimahysterie" posten, berichtet Johannes Großruck aus Aigen-Schlägl.

Doch Klimaschutz ist mehr als eine Modeerscheinung, es ist Daseinsvorsorge und Pflichtaufgabe. Münchens Klimabotschafterin Andrea Stürmer stellt das 3-30-300-Prinzip vor, dem die Landeshauptstadt folgt: Mindestens 3 Bäume müssen vom eigenen Fenster aus sichtbar sein, die Nachbarschaft benötigt 30 % Baumkronenbedeckung für Kühlung und Wohlbefinden, und der nächste Park oder Grünraum darf maximal 300 Meter entfernt sein. Doch selbst eine reiche Stadt wie München, die über 5 Jahre bereits 500 Mio. Euro in Klimaneutralität investiert hat, kämpft mit dem Budgetdefizit. Paradox, bedenkt man die Folgekosten des Nicht-Handelns. Eine Risikoanalyse sollte jeder Gemeinde zur Hand gestellt werden, so der Konsens. Einer oberösterreichischen Marktgemeinde wurde bezüglich ihres Wirtschaftens von der Landesregierung angewiesen, die Klimaschutzausgaben zu reduzieren.

Mobilität & Verkehr

Mobilität wurde kaum isoliert diskutiert, sondern fast immer gemeinsam mit Wohnen, Raumplanung und Gemeindeentwicklung. Mehrfach fiel der Satz, dass Verkehr an Gemeindegrenzen nicht endet. In Pendlerregionen kommt kommunale Planung an ihre Grenzen. Linz etwa zählt täglich beinahe so viele Einpendler wie Einwohner. Viele kommen weiterhin mit dem Auto, weil attraktive öffentliche Verkehrsverbindungen fehlen. Neue Schienenprojekte oder Straßenbahnverlängerungen sind aber ohne zusätzliches Budget von Ländern und Bund kaum umsetzbar.

Gleichzeitig entstehen zahlreiche kleinere Lösungen auf regionaler Ebene. In Kärnten funktioniert der Verkehrsverbund laut Bürgermeisterin Karoline Turnschek bereits eng mit den lokalen Busunternehmen zusammen. Das neue Tourismusgesetz ermöglicht Gästen die kostenlose Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und stärkt gleichzeitig regionale Betriebe. Oberösterreich arbeitet an On-Demand-Angeboten und digitalen Plattformen, die verschiedene Verkehrsmittel miteinander verknüpfen. Mobilität muss künftig intermodal gedacht werden, also mit möglichst einfachen Wechseln zwischen Bahn, Bus, Fahrrad und Auto.

Fazit

Die großen Lösungen kommen nicht in einem Schub. Sie entstehen aus vielen kleinen Schritten, die durch Dialog in alle Richtungen erklärt, vertreten und auch verteidigt werden müssen. Unsere Bürgermeister*innen sind die Front, an der sich Demokratie im Alltag beweist. Neue, innovative Allianzen mit Nachbargemeinden, kleinteilige Projekte mit den eigenen Bürger*innen und Kommunikation, die auch unbequeme Antworten nicht scheut, sind dafür nötig.

Zwischen der 200.000-Einwohner-Stadt Linz und der kleinen Marktgemeinde unterscheidet nicht die Aufgabe. „Ob große Stadt oder kleine Gemeinde: uns befassen die selben Themen", hatte Linz' Vizebürgermeisterin Karin Leitner den Tag eröffnet. Energiewende, Wohnen, Mobilität, Digitalisierung: Die Fragen sind überall dieselben, nur die Antworten fallen je nach Ressourcen unterschiedlich aus.

Vorträge zum Nachlesen

Wir freuen uns, Sie bei unseren nächsten Veranstaltungen wiederzusehen!

SAVE THE DATE: 17. GBB Green and Blue Building Conference am 05.11.2026 in Wien!

Wir danken unseren Partnern!!

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