Der nächste Hitzesommer kommt bestimmt: Kühlen wird zum Standard
Lange galten Klimatisierung und Dekarbonisierung als Gegensätze. Heute zeigt sich zunehmend, dass genau das Gegenteil der Fall sein kann. Während steigende Temperaturen den Komfortanspruch der Gäste verändern, wächst der Druck, Gebäude energieeffizient und wirtschaftlich zukunftssicher zu machen.
Roland Kerschbaum von Panasonic erklärt im Interview, warum Heizen und Kühlen künftig gemeinsam gedacht werden müssen, welche Sanierungsmaßnahmen besonders große Hebel bieten und weshalb viele Hotels ihre Entscheidungen nicht länger aufschieben sollten.
Alexander Ghezzo: Klimaresilienz von Gebäuden und die Klimafitness im Sinne der Dekarbonisierung sind zwei Themen die scheinbar im Widerspruch zueinander stehen. Ist der auflösbar?
Roland Kerschbaum: Definitiv auflösbar. Gebäude klimaresilient zu gestalten, geht tatsächlich mit der Dekarbonisierung Hand in Hand. Nehmen wir das Thema Klimatisierung als Beispiel. Wie dieser Sommer erneut zeigte, führt in immer mehr Regionen und für immer mehr Menschen kein Weg an klimatisierten Ruhezonen vorbei.
Wenn wir nun das Thema Heizen und Kühlen in Gesamtheit denken, entstehen hier viele Überlappungen. Ganz simpel ist jede Klimaanlage auch eine Luft/Luft Wärmepumpe. Somit ist es in den meisten Gebäuden möglich, einen Gutteil der Heizlast über diese effizient abzubilden.
Wenn wir in der Sanierung Heizkörper tauschen, warum nicht gleich auf Geräte wechseln welche nicht nur die Effizienz im Heizbetrieb erhöhen, sondern auch vollumfänglich als Klimaanalgen funktionieren.
Weiters könnte die dabei entstehende Wärme im Heizungskreislauf (also die aus dem Raum entnommene Energie) als Basis für die Warmwasserladung verwendet werden.
Es gibt heute viele Möglichkeiten dem Bedarf der Klimatisierung zu erfüllen und dies im Einklang mit den übergeordneten Klimazielen und mit Bedacht auf netzdienliche Verbraucher, welche bei solaren Stromüberschuss genutzt werden können.
Alexander Ghezzo: Der Rekordsommer hat dem Thema Klimaresilienz im Bestand sicher extreme Dringlichkeit verliehen. Bemerken Sie einen Run auf Klimaanlagen?
Roland Kerschbaum: Die Notwendigkeit zu Handeln war wohl in keinem Jahr so offensichtlich wie in 2026. Der provokanten Aussage von Herrn Andreas Jäger folgend, dass dieser Sommer wohl „der kälteste der nächsten 300 Jahre sein wird“ entscheiden überdurchschnittlich viele Menschen nun zu handeln. Anders als in vergangenen Jahren wird dadurch die Auslastung im Handwerk wohl auch bis tief in den Herbst sehr gut sein. Derzeit würde ich aber sagen, aktuell werden vorwiegend Pflaster auf offene Wunden geklebt. Wohl durchdachte und objektumfassende Maßnahmen sehen wir aber zunehmen in den Planungsphasen. Dies heißen wir auch gut, eine umfassende Planung ist die Voraussetzung dafür, dass die Investments sich auch lohnen und langfristig Sinn ergeben. Im gewerblichen Segment geht es letztlich nicht nur um Komfort, sondern um wirtschaftliche Sinnhaftigkeit.
Alexander Ghezzo: Wie steht es dadurch um Lieferzeiten und Belastbarkeit der Lieferketten?
Roland Kerschbaum: Ich meine die Branche hat viel Erfahrung mit stark wechselndem Bedarf. Es mag dort und da Wartezeiten geben aber derzeit bestehen noch genug Ressourcen um Gebäude fit für 2027 zu machen. Ich vermute aber, dass sich das bald ändern wird und empfehle die Maßnahmen für den nächsten Sommer nicht in den Frühling zu vertagen, da wird es diesmal sicher zu spät sein.
Alexander Ghezzo: Für Hoteliers ist der Komfort der Gäste extrem wichtig. Wie kann man energieeffizienten Betrieb mit der nötigen Flexibilität in Einklang bringen?
Ich sehe das sehr trocken: Die Investments müssen so gelagert sein, dass das mehr an Gästen (oder zumindest das Gleichbleiben der Buchungslage) plus die Einsparungen in den Betriebskosten, plus die Preisstabilität des Assets, das Erreichen einer andere Nachhaltigkeitskategorie bei Banken, bessere Investorenbewertung sowie etwaige Green Loans unterm Strich das Unternehmensergebnis zeitnahe verbessern.
Viele Hotels haben heute noch Gas- öder Ölheizungen. Das ist aus vielerlei Gründen ein betriebswirtschaftliches Damoklesschwert. Ob Preissteigerungen durch geopolitische Gründe, ob ETS2 (das marktbasiertes CO₂-Bepreisungssystem) oder andere Ursachen, es ist nicht absehbar welche Kostensteigerungen hier kurzfristig drohen könnten.
Ich behaupte, erst mit Maßnahmen in Richtung Dekarbonisierung und durchdachter Klimatisierung entsteht Flexibilität und betriebswirtschaftliche Sicherheit.

Panasonic Aquarea Loop - Hotel
Alexander Ghezzo: Wie sehen Sie die aktuelle Förderlandschaft? Haben Hotels gute Karten?
Roland Kerschbaum: Das wage ich aktuell nicht zu beantworten, so schnell wie sich die Dinge in diesem Bereich ändern. Meine Empfehlung wäre, Maßnahmen auszuarbeiten, welche sich auf jeden Fall rechnen und einen sinnvollen ROI aufweisen. Wenn es dann auch noch Förderungen gibt, schön. Aktuell weise ich öfters auch auf die „Opportunitätskosten“ hin. Welche Kosten sind für die Immobilie absehbar, wenn Investitionen weiter aufgeschoben werden.
Alexander Ghezzo: Welche Möglichkeiten gibt es, minimalinvasive Sanierungen umzusetzen? Der wenigste Aufwand mit dem größten Hebel?
Roland Kerschbaum: Technologisch wäre es heute sehr einfach etwa die Heizkörper welche derzeit noch mit Hochtemperatur betrieben werden gegen Micro Wasser/Luft Wärmepumpen zu tauschen. Die bestehende Verrohrung zu nutzen und den Primärversorger auf Wärmepumpe oder kalte Fernwärme umzustellen.
Schon haben wir ein Niedertemperatursystem im Bestand, entsprechend deutlich geringere Verteilverluste, mit der Funktionalität einer drei Leiter VRF Anlage. Wir könnten Wärme aus den Zimmern im Süden in die kühleren Zimmer im Norden verschieben. Wir können abgeführte Wärme zur Warmwassernutzung heranziehen und so weiter. Oder Zimmer werden nur geheizt, wenn diese auch gebucht wurden, am besten noch gesteuert über die Buchungssoftware.
Der Aufwand hierfür ist sehr überschaubar. Heizkörper werden getauscht, es braucht lediglich einer Zuleitung von 230 Volt und einer Möglichkeit Kondensat abzuführen. Entsprechend keine großen Umbauten, welche Lärm und Staub verursachen. Natürlich bedarf es auf der Primärseite auch einer Wärmepumpe. Diese lassen sich heute aber auch in Form von fertigen Containernlösungen (gerne mit Naturholzvertäfelung) inkl. Hydraulik und Schallschutz irgendwo am Grundstück positionieren.
Alexander Ghezzo: EN 378, Kälteanlagenverordnung und weitere regulatorische Veränderungen: Was bedeuten sie für Hotels? Sind sie schon vorbereitet?
Roland Kerschbaum: Für jene, welche sich nun für Maßnahmen entscheiden bedeuten sie wenig, zumal wir als Industrie uns seit vielen Jahren darauf vorbereitet haben und entsprechend zukunftssichere Produkte bereit stehen. Anders sieht es aus bei Betrieben welche sich in der Vergangenheit VRF Klimasysteme einbauen haben lassen, hier tickt die Uhr. Mit 2029 wird R410a als Kältemittel bei dieser Anwendung in der Neuinstallation verboten werden. Betroffene Betriebe haben im Grunde drei Optionen:
1.) Eins zu eins Tausch auf eine neue R410a Anlage noch vor 2029. Also nur Außen und Innengeräte tauschen.
2.) Umbau des Systems auf R32. Einher gehen Investitionen ins Rohrsystem, Pump Down Systemen, Kältemitteldedecktoren, etc.
3.) Ab 2034 Komplett-Umbau auf ein wassergeführtes System.
In diesem Sinne wäre es also in vielen Fällen die bei weitem günstigste Lösung nun noch einmal den Bestand zu erneuern und damit für die kommenden 15 Jahre das Thema zu lösen.
Alexander Ghezzo: Welche spannenden Projekte in Sachen Dekarbonisierung haben sie in der Hotellerie in den letzten Jahren umgesetzt?
Roland Kerschbaum: Bunt wie eine Blumenwiese. Das geht von großen VRF Systemen über mehrere dezentrale kleinere Multi-Splitanlagen, Großwärmepumpen für wassergeführtes Heizen und Kühlen als auch mehr und mehr minimalinvasive Sanierungen. Im Fokus steht oft die Betriebskostenoptimierung als auch Maßnahmen im Sinne der EU-Taxonomie. Aktuell geht es natürlich wieder stärker um Komfort für die Kunden. Was auffällt, das Thema natürlicher Kältemittel bei Heizen & Kühlen aber auch Gewerbekälte steht mittlerweile bei der Hotellerie relativ weit oben auf der Wunschliste!
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